Heldenplatz

Fast wie zu Claus Peymanns Zeiten fühlt man sich während der ersten Stunde der „Heldenplatz“-Inszenierung der Münchner Kammerspiele. Schier endlos ist der Monolog der Zittel, der Haushälterin des jüdischen Professors, der Suizid begangen hat. Akkurat bügelt und faltet sie all die Hemden und Laken, dabei redet sie fast ohne Punkt und Komma auf die Herta (Katharina Bach) ein, schimpft über Graz und Neuhaus als Synonyme österreichisch-provinzieller Engstirnigkeit und mäht mit Thomas Bernhards Wortsalven auch die „Minna von Barnhelm“ im Theater in der Josefstadt nieder.

In diesem langen Monolog gibt es schon kleinere ironische Brechungen, die sich Paulmann als Grande Dame des Kammerspiele-Ensembles erlaubt, vor allem liefern die vereinzelt eingestreuten Videos von Lion Bischof einen Hinweis, worauf Falk Richter mit der in Österreich bei der Burgtheater-Uraufführung 1988 zum Skandal avancierten, in Deutschland kaum gespielten Stückausgrabung hinaus will. Markus Söder und Horst Seehofer werden mit manchen pointierten Aussagen aus dem Asyl-Streit mit Angela Merkel eingespielt, schnell werden Parolen von AfD-Scharfmacher*innen wie Alexander Gauland und Alice Weidel dagegen geschnitten.

Während der ersten halben Stunde nach der Pause verlässt Richter das Bernhard-Original und lässt ein Trio (Bernardo Arias Porras, Knut Berger, Anne Sophie Kapsner) zu einer Generalabrechnung mit den Liberalen und Konservativen, den bürgerlichen Milieus rechts der Mitte, ausholen. Richters zentrale These: hinter all dem bundesrepublikanischen, jahrzehntelang eingeübten Betroffenheitsduktus eines „Nie wieder“ klafft der Abgrund. In seinem Rundumschlag, der in seiner Schärfe dem Österreich-Bashing von Bernhard kaum nachsteht, wirft er der Union vor, dass die AfD „ausgekotztes“ Fleisch von ihrem Fleisch ist und einige Konservative, allen voran die Werte-Union, am liebsten gemeinsame Sache mit den Rechten machen wollen. Diese Abrechnung ist ähnlich sprachgewaltig wie einst „Fear“ an der Schaubühne, das mehrere Prozesse auslöste, versucht in kurzer Zeit aber zu viele Phänomene über einen Kamm zu scheren.

Auf der Zielgeraden des Abends kehrt der „Heldenplatz“ zu Bernhard zurück: das gesamte Ensemble versammelt sich zu einem Leichenschmaus-Abendessen. Während sich der Familien-Clan im Wortgeplänkel ergeht, ziehen hinter der Witwe die Nazis in Wien ein, die von Mitäufer*innen bejubelt werden und zum Untergang der jüdischen Familie führen. Mit dröhnendem Schweigen endet dieser meinungsstarke Abend.

Bild: Denis Kuhnert

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