Eure Paläste sind leer

Einen der spannendsten jungen Dramatiker hat Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, mit einem Auftragswerk betraut: „Eure Paläste sind leer (all I ever wanted)“ ist ein fordernder, oft überfordernder, assoziativer Text, der quer durch Räume und Zeiten springt. Anders als beim kalauernden, oft galligen Humor seiner österreichischen Landsfrau Elfriede Jelinek geht es bei Köck jedoch diesmal sehr ernst und getragen zu. Trotz E-Gitarre, Klassik und Schlager, mit denen Uraufführungsregisseur Jan-Christoph Gockel den Text von wildem Musik-Stil-Mix begleiten lässt, ist dieser Abgesang auf die westliche Zivilisation ein Abend in Moll.

Als „missa in cantu“ bezeichnet der Autor Köck seinen Text, der weit ausholt: In die Zeit der Konquistadoren um Aguirre geht der Abend oft zurück. Michael Pietsch, langjähriger Bühnenpartner von Regisseur Gockel, hat außer einer ganzen spanischen Kolonial-Armada, die an den Fäden zappelt, auch eine Kinski-Figur geschaffen. Mit den manisch aufgerissenen Augen, die das Markenzeichen von Kinskis waren und sich mit Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) in die Filmgeschichte eingebrannt haben, treibt er diesen Handlungsstrang voran.

Doch hektisch springt der Text vor und zurück, verknüpft die Gier der Goldsucher von Eldorado mit der Profitgier global agierender Franchise-Unternehmen wie McDonald´s, dessen goldgelbes Logo ebenfalls leitmotivisch in den Abend eingebaut wird. So unübersichtlich wie zu Frank Castorfs Volksbühnen-Zeiten geht es bei „Eure Paläste sind leer“ oft zu, wenn Köck, Gockel und das Live-Musik-Duo Anton Berman und Maria Moling Vollgas geben.

Leoni Schulz vor McDonald´s-Logo ©Armin Smailovic / Agentur Focus

Der stärkste Strang des Abends ist um die mythische Figur des Sehers Tireisas erdacht, der lamentierend durch die Ruinenlandschaften zu Füßen des Kammerspiele-Balkons wandert, den Julia Kurzweg nachgebaut hat. Niemand hörte auf seine Warnungen, die Menschen richteten sich selbst zugrunde, so der Tenor dieses Requiems von Köck, das anspielungsreich auch schon in den eingeblendeten Zwischentiteln auf christliche Liturgie und Dantes „Divina Commedia“ verweist.

„Eure Paläste sind leer“ ist ein derart überbordender Text und praller Theater-Abend, dass man beim ersten Sehen wohl gar nicht alle Motive und Verästelungen erfassen kann, mit denen Regisseur und Autor ihr Publikum herausfordern. Negativ fällt auch hier wie schon in „Effingers“ auf, wie penetrant verqualmt der Theater-Abend ist. Auch hinter den obligatorischen FFP2-Masken sind die Nikotin-Schwaden zu riechen, die das Ensemble während des Abends, vor allem aber in einer schwachen 60er Jahre-Talkshow-Parodie gleich nach der Pause in den Saal schicken.

Bilder: Armin Smailovic

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