Annette

Was für ein herrlich verspielter, schwungvoller Auftakt: die erste Viertelstunde des Musicalfilms „Annette“, den Leos Carax mit der amerikanischen Art-Pop-Band „Sparks“ konzipierte, ist eine sehr humorvolle Exposition seiner Figuren. In einer tollen Choreographie treten Regisseur, Musiker und Hauptdarsteller gemeinsam auf die Straße und führen mit launigen Bemerkungen in den Film ein.

Meisterhaft komponiert ist auch die erste längere Szene: Wir lernen Henry (Adam Driver) als Comedian kennen, der sich wie ein Boxer auf die Bühne vorkämpft und vom Publikum für seine Provokationen geliebt wird. Früh werden allerdings auch die problematischen, toxischen Strukturen seiner Persönlichkeit sichtbar. Er verliebt sich – von den Boulevardmedien aufgeregt kommentiert – in die Operndiva Ann (Marion Cotillard) und bekommt mit ihr ein Kind: Annette, das wir über weite Strecken des Films nur als singende Holzpuppe erleben.

Carax verdient großen Respekt dafür, dass er nicht den ausgetretenen Pfaden folgt, sondern mit seiner skurrilen Musical-Tragikomödie einen der überraschendsten und ungewöhnlichsten Filme des Kinojahres drehte. Dieser Mut zum Risiko wurde in Cannes, wo „Annette“ im Sommer 2021 als Eröffnungsfilm lief, mit einer Silbernen Filme für die beste Regie belohnt. In einem Kino-Winter, in dem Steven Spielberg mit einem „West Side Story“-Aufguss ohne eigene Akzente langweilt, ist die unkonventionelle „Annette“ eine Wohltat.

„Annette“ ist eine Achterbahnfahrt für das Publikum, die Figuren und den Regisseur: in den überlangen knapp 2,5 Stunden funkeln immer wieder unterhaltsame Miniaturen, in denen der Film das große Versprechen des Auftakts einlöst. Das Musical hat aber einige Längen und droht mehrfach ins Melodramatisch-Kitschige zu kippen. Vor allem in der zweiten Hälfte fokussiert sich der Film zu stark auf die Seelennöte des Witwers Henry, der seine Karriere ruiniert hat und seine Frau in den Tod stürzen ließ.

Adam Driver als Henry

In all seinen Stärken und Schwächen ist „Annette“ ein liebenswerter, oft sehr poetischer, mal begeisternder, mal nervender Musical-Film, der im Herbst auch den Douglas Sirk-Preis beim Filmfest Hamburg gewann und kurz vor Weihnachten in den Kinos startete. Marion Cotillard war Anfang 2022 für einen Golden Globe als beste Musical-Hauptdarstellerin nominiert, ging aber leer aus.

Bilder: Alamode Film

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