Das Mädchen mit den goldenen Händen

Nach ihrem missglückten Ausflug als abgehalfterte Königin im „Darth Vader“-Kostüm in der Star Wars/Shakespeare-Übermalung „Queen Lear“ am Gorki Theater kann man Corinna Harfouch nun wieder auf sehr vertrautem Terrain erleben. Schauspiel-Kollegin Katharina Marie Schubert hat ihr eine typische Harfouch-Rolle auf den Leib geschrieben: Gudrun ist ehemalige Lehrerin für Mathe und Sport, lebt in einem kleinen ostdeutschen Städtchen im Jahr 1999 und stößt mit ihrer schroffen Art ihre Umgebung vor den Kopf.

Die Konfrontation mit ihrer Tochter Lara (Birte Schnöink) ist sehr präzise beobachtet und fein gespielt. Ein toller Moment, der viel über die Figuren erzählt, ist es z.B., wenn die dominante Mutter mit der vorbereiteten Rede zu ihrem 60. Geburtstag unzufrieden ist und sie kurzerhand neu schreibt. Im ersten der drei Kapitel, das mit „Gudrun“ überschrieben ist, gelang ein vielversprechender Auftakt, wie ich ihn bei einem deutschen Regie-Debüt längere Zeit nicht erlebt habe.

Katharina Marie Schubert war Theaterschauspielerin in den Ensembles renommierter Häuser wie den Münchner Kammerspielen und dem Deutschen Theater Berlin, überzeugte als Hauptdarstellerin im „Tatort – Anne und der Tod“, der 2018 aus dem Sonntagskrimi-Einerlei herausragte, und führte in „Das Mädchen mit den goldenen Händen“, das beim Filmfest München im Sommer 2021 Premiere hatte, erstmals Regie. Märchenhaft klingt nicht nur der Titel, sondern ist auch die erste Passage, die Harfouch aus dem Off spricht. Doch schnell kommt der Film in der tristen Realität der ostdeutschen Provinz im Jahrzehnt nach dem Mauerfall an. In matten Farben fängt Barbu Bălășoius Kamera eine desillusionierte Gesellschaft ein: den Treuhand-Ausverkauf und das Gefühlt des Abgehängtseins kommentieren die Figuren mit flachen Anti-Wessi-Stereotypen und Witzen.

Nach der starken Exposition kreist „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ um den Plan des Bürgermeisters (Jörg Schüttauf), das leerstehende Kinderheim, in dem Gudrun aufgewachsen ist, an einen Investor zu verscherbeln. Als tragikomische Nach-Wende-Geschichte ist der Film noch ganz solide. Aber es war keine glückliche Entscheidung der Regisseurin und Drehbuchautorin, den Fokus weg von Harfouchs Gudrun zu verlegen, die den Film zu Beginn trägt und mit einer Gehirnerschütterung dann zeitweise außer Gefecht gesetzt ist.

„Das Mädchen mit den goldenen Händen“ startete parallel zur Berlinale am 17. Februar 2021 als TV-Koproduktion in den deutschen Kinos.

Bild: Wild Bunch Germany

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