Queen Lear

Hohen Besuch gab es an diesem Wochenende am Gorki Theater: Corinna Harfouch, eine der gefragtesten Filmschauspielerinnen, die sich auf den Theaterbühnen inzwischen recht rar macht, gibt sich die Ehre. Natürlich spielt sie standesgemäß eine Königin, nämlich die „Queen Lear“ in einer Shakespeare-Überschreibung von Soeren Voima. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich hinter diesem Pseudonym Christian Tschirner, Dramaturg an der Schaubühne, verbirgt. Da die Gorki-Premiere kurzfristig um zwei Tage verschoben werden musste, konnte er nicht dabei sein: er spielte parallel einige Kilometer weiter westlich in der Neufassung des Schaubühnen-Hits „Rückkehr nach Reims“.

Das schwarze Kostüm der Queen erinnert auf den ersten Blick an die windschnittigen Trikots, die Eisschnelläuferinnen und Rodlerinnen bei Olympia tragen, ist aber zugleich auch eine Hommage an Darth Vader aus der Star Wars-Saga. Auf diese ikonische Popcorn-Kino-Blockbuster-Reihe spielt Christian Weises Gorki-Inszenierung vor allem während der ersten Stunde sehr häufig ein.

Die zentrale Idee dieses Anfangs-Teils ist es, den Shakespeare-Klassiker mit flapsiger Sprache aufzuhübschen, wie schon im Musical „Slippery Slope“ ein paar Gags zu den Themen Identitätspolitik/Cancel Culture/Gendern einzubauen und in die Welt der Sternenkrieger zu verlegen. Die zentralen Motive und Konflikte um Lear und seine/ihre drei Kinder (hier zwei Söhne und eine Tochter), zwischen denen die alternde Herrscherin ihr Erbe aufteilen muss, bleiben erhalten. Um eine Persiflage oder Parodie des Stoffs handelt es sich nicht, eher um eine respektvolle Übermalung und Nacherzählung.

Was Regisseur Weise und das Gorki Theater an dem kanonischen Stoff interessiert, wird während der drei Stunden jedoch nicht recht klar. Die eine oder andere Laserschwert-Kampfchoreographie von Klaus Figge macht Eindruck, auch die beiden unermüdlichen Live-Kamera-Leute (Maryvonne Riedelsheimer und Jesse Jonas Kracht), die das Geschehen von der Hinterbühne oder dem Vorplatz auf die Gorki-Leinwand übertragen, verdienen Anerkennung. Besonderes Lob gebührt Fabian Hagen, der als Conferéncier eine kurze Einführung gibt, nach seinem Folkwang-Studium gerade erst sein Engagement am DNT Weimar antrat und kurzfristig für Lindy Larsson einsprang. Das machte er so souverän, dass es ohne die Ankündigung der Intendantin Shermin Langhoff und den Flugzettel, der dem Programmheft beilag, gar nicht aufgefallen wäre.

Ansonsten zerfasert der Abend während der drei Stunden mehr und mehr. Schon vor der Pause wirkt vieles unfertig und improvisiert. Svenja Liesau, die unmittelbar vor den Corona-Lockdowns nebenan im Gorki-Container den „Hamlet“ gab, nimmt das Heft in die Hand und schnoddert sich mit Berliner Schnauze durch einige Soli. Als der Abend zur Comedy-Nummern-Revue zu werden droht, kehrt die Inszenierung kurz vor Schluss zum tragischen Shakespeare-Ton zurück. Der „Queen Lear“-Inszenierung fehlen aber ein überzeugender Rhythmus und eine stringente Linie. Gaststar Corinna Harfouch bleibt in der Titelrolle erstaunlich blass.

Bild: Esra Rotthoff

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