Die Freiheit einer Frau

Es ist keine einfache Aufgabe, die sich Falk Richter und das Schauspielhaus Hamburg vorgenommen haben: der autofiktionale Roman „Die Freiheit einer Frau“ ist als reflektierender, mit Erinnerungssschnipseln durchsetzter Essay ein Text, der nicht für die Bühne geschrieben ist und dementsprechend einiges an Übersetzungsleistung erfordert.

Die Erinnerungen von Louis an das Aufwachsen in prekären Verhältnissen, an die Scham darüber, dass seine Mutter die Codes der Eltern seiner Mitschüler nicht beherrscht und an die Entfremdung des Gymnasisten vom Elternhaus wird in kleinen Szenen nachgespielt: mal live auf der Bühne, mal in vorproduzierten Videos von Sebastien Dupouey, mal als Hybrid von Paul Behren mit der Handykamera gefilmt und per Leinwand von der Seitenbühne übertragen.

Er spielt Édouard Louis, den Jungstar der französischen, linken Intellektuellenszene, in seinem charakteristischen Hoodie. Die Mutter-Rolle teilen sich Josefine Israel als kettenrauchende, verhärmte junge Frau in ihrer per Video eingespielten Elends-Tristesse und Eva Mattes als selbstbewusstere, gereifte Frau. Die Metamorphose von Monique Bellegueule kommt schon in dem schmalen Bändchen, das im vergangenen Herbst erschien, etwas unvermittelt. Die Motive, warum sie so plötzlich aus alten Rollenmustern und selbstverschuldeter Unmündigkeit ausbrach, bleiben in der Buchvorlage unklar. Auch ihr Sohn ist davon völlig überrascht. Mit dieser Problematik kämpft auch Falk Richters Theaterabend, in dem wir nach Schwarzblende und Pausen-Häppchen die Verwandlung der Titelfigur serviert bekommen. In einem kurzen Nachklapp hat sich die Figur plötzlich komplett verändert.

Da Richter und sein Ensemble bei der deutschsprachigen Erstaufführung den Text sehr respektvoll behandeln und sich darauf konzentrieren, geeignete Gedanken-Splitter und Anekdoten szenisch nachzustellen, wirkt die Inszenierung ästhetisch recht konventionell. Den Abend auf 2,5 Stunden zu strecken, war angesichts des nicht mal 100 Seiten dünnen Bändchens ein ziemlicher Kraftakt, so dass die Inszenierung einige Längen durchschreiten muss.

Sympathisch wird „Die Freiheit einer Frau“, wenn Richters Inszenierung wie die Titelfigur aus ihrem Korsett ausbricht und die szenische Nachstellung des Essays regelmäßig für ein Punk- und Rock-Konzert unterbricht. Szenen-Applaus ernteten z.B. Bernadette La Hengst und ihre beiden Live-Band-Mitstreiterinnen Peta Evlin und Bärbel Schwarz für ihre Version von Nina Hagens „Unbeschreiblich weiblich“ oder Paul Behren für sein High Heels-Solo zur Miley Cirus-Coverversion von „Gimme Gimme More“ von Britney Spears. Doch bei der Metamorphose vom vorlagentreuen Erzähltheater zur schillernden Revue bleibt „Die Freiheit einer Frau“ meist auf halbem Weg stehen, so dass der Abend oft unentschieden und nicht aus einem Guss wirkt.

Wegen der lesenswerten Vorlage, einiger schöner Ensemble-Momente und der abwechslungsreichen Live-Musik-Show gehört „Die Freiheit einer Frau“ trotz der beschriebenen Schwächen dennoch zu den anregenderen und unterhaltsameren Abenden einer Stadt- und Staatstheater-Spielzeit, die bisher wenig Höhepunkte zu bieten hatte.

Bild: © Denis »Kooné« Kuhnert, 2022

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