Die Freiheit einer Frau

Erst 29 Jahre ist Édouard Louis jung, aber die Liste seiner autofiktionalen Bücher ist bereits lang. In „Das Ende von Eddy“ verarbeitete er Mobbing und Demütigungen, „Im Herzen der Gewalt“ erzählt vom Trauma einer Vergewaltigung, „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ reflektiert ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis.

Fast folgerichtig ist, dass der nächste Band dieser Reihe nun der Mutter von Édouard Louis gewidmet ist. In den bisherigen Büchern war sie eine Randfigur: unter der patriarchalen Knute des gewalttätigen Alkoholiker-Vaters, aber auch sie hatte kein Verständnis für die Homosexualität des Sohnes, lachte mit bei den Kränkungen und entwickelte keine liebevolle Bindung zu ihrem Sohn.

In dem schmalen, nicht mal 100 Seiten dünnen Bändchen „Die Freiheit einer Frau“, das vor kurzem in deutscher Übersetzung bei S. Fischer veröffentlicht wurde, erscheint Monique Belleguelle in einem anderen Licht: als eine Frau, die sich spät aus ihrer Ehehölle befreit, ihren Spaß am Leben wiederfindet. Dieser Spaß blitzt den Lesern schon vom Cover des Buchs aus ihren schalkhaften Augen entgegen: auf diesem Jugendfoto sieht sie ihrem Sohn sehr ähnlich.

Der für Louis typische soziologisch-psychoanalytische Selbstbefragungs-Jargon wechselt sich diesmal mit zärtlichen Erinnerungen ab. „Die Freiheit einer Frau“ ist das wohl bisher optimistischste Buch des französischen Star-Autors: auch hier sind das Gefühl des Abgehängtseins prekärer Milieus und die Gewalterfahrungen, die seine Bücher durchziehen, auf fast jeder Seite präsent. Der Grundton ist aber positiver, lädt stellenweise sogar zum Schmunzeln ein wie bei der Anekdote über eine Begegnung zwischen Catherine Deneuve, Inbegriff einer Filmdiva und französischer Eleganz, und der Mutter von Edouard Louis, die einen neuen, liebevolleren Partner fand und in eine Hausmeisterwohnung in einem Pariser Nobel-Arrondissement zog.

Bei der Lesung zum Auftakt seiner Tour durch den deutschsprachigen Raum erzählte Louis an der Berliner Schaubühne eine Anekdote aus der Künstlerblase, wie Intendant Ostermeier und er nach einer Theateraufführung mit der Deneuve parlierten und über die im Buch verewigte Begegnung mit der Mutter sprachen. Auf die Fragen aus dem Publikum antwortete der Stargast gewohnt souverän und nachdenklich, aus der deutschen Übersetzung las Caroline Peters, der erst vor kurzem vom Wiener Burgtheater in das stargespickte Ensemble am Kurfürstendamm wechselte.

Bild: Jerome Bonnet / modds

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.