Phaidras Liebe

Einen Solo-Abend zu stemmen, ist eine Königsdisziplin für Schauspielerinnen. Kaum eine wirft sich mit so viel Wucht und vollem Körpereinsatz wie Stefanie Reinsperger in ihre Theater-Projekte. Zum Einstand am Berliner Ensemble, frisch aus Wien übergesiedelt, stellte sie sich mit Handkes „Selbstbezichtigung“ vor: ein streckenweise leiser, tastender Abend, doch auch damals schon oft sehr laut und drastisch. Nun gibt sie bei ihrem zweiten Solo-Abend Vollgas: Sarah Kane, die bekannteste Dramatikerin des britischen In-Yer-Face-Theaters der späten 1990er Jahre, übermalte den „Phädra“-Mythos zu einem Stück voller Drastik und schwarzem Humor. Hippolytos, wohlstandsverwahrlostes Riesenbaby, und Phädra, bedingungslos Liebende und Leidende, ringen darin miteinander. Vor fast zwanzig Jahren war dieses Stück an Thomas Ostermeiers Schaubühne zu sehen, der sich damals ganz der jungen britischen Dramatik verschrieben hatte, mit zwei Spieler*innen, denen die Rollen auf den Leib geschrieben schienen: Lars Eidinger als über Leichen gehendes Baby, das sich nimmt, was ihm gefällt, und Corinna Harfouch als die Verzweifelte.

Robert Borgmann ließ sich eigens für seine Musik-Performance-Version von „Phaidras Liebe“ von den Rechteinhabern des Sarah Kane Estates eine Neufassung genehmigen, zu der ihn ein im Programmheft abgedrucktes Interview der Autorin von 1998 inspirierte: Phaidra und Hippolytos sind für Kane „zwei Facetten ein und derselben Person“, ihr Dialog wird zum Selbstgespräch. Wie Gollum im „Herrn der Ringe“ oder von Schizophrenie zerrissen muss Reinsperger ständig zwischen den beiden Stimmen hin und her switchen.

In der ersten Hälfte hat Hippolytos die Hosen an: die Bühne ist sein Kinderzimmer, zwischen Hüpfball mit Smiley und Kegeln hält er Hof und terrorisiert seine Stiefmutter, die ihm verfallen ist und zaghaft dazwischen geht.

Stefanie Reinsperger in „Phaidras Liebe“ von Sarah Kane, Regie: Robert Borgmann

Das tragikomische Geschehen wird in der zweiten Hälfte aus der Perspektive der Phaidra mit Zwischenrufen des Hippolytos performt: im Ascheregen wird die Sonnenbank zu ihrem Sarg, dazu wabern depressive Ambient-Klänge, die Regisseur Borgmann und Nazanin Noori, die gemeinsam das Duo 123 Ceremony bilden, live im Neuen Haus des Berliner Ensembles spielen. Als Stichwortgeber*innen sprechen sie auch die Stimmen der im Borgmann-Remix gestrichenen Figuren (z.B. ein Priester oder die Stiefschwester Strophe, die Hippolyt auch beide verführt).

Reinsperger verausgabt sich, keucht, wälzt sich, loopartig kommt immer wieder der Satz „Ich bin fett“. Dass sie nicht dem Fitness- und Schlankheits-Ideal entspricht thematisiert sie auch im Buch „Ganz schön wütend“, das sie an diesem Wochenende ebenfalls im Berliner Ensemble vorstellte.

Die Solistin zieht alle Register, aber das zentrale Problem dieser postdramatischen Fingerübung von Borgmann ist, dass sein Konzept nicht aufgeht. Zu oft bleibt unklar, wer gerade aus Reinsperger spricht: Hippolytos oder Phaidra? So bleibt der zwiespältige Eindruck eines Abends, an dem Reinsperger zwar zeigen darf, dass sie alle Register von Wut, Hass und Schmerz ziehen kann, bei dem aber hinter den Textbrocken, die sie herausschleudert, selten lebendige Figuren sichtbar werden, sondern alles zu einem Parforce-Solo verschwimmt.

„Hätte es doch nur mehr Momente wie diesen gegeben“, sagt Reinsperger alias Hippolytos zum Schluss mit breitem Grinsen und im weißen Marilyn Monroe-Kleid ins Publikum – und trifft damit genau den Punkt: Bei aller Virtuosität der begabten Solistin blieb der Abend zu beliebig und unbefriedigend.

Bilder: © JR Berliner Ensemble

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