Bettina

Unscheinbar kommt dieser kleine Film daher: eine rbb-Produktion über eine mittlerweile 75jährige Künstlerin, das klingt nach einem Nischenprogramm für die Fans spätabends in den Dritten.

Aber dieses Porträt lohnt sich: „Bettina“ stellt eine kluge, mutige, selbstironisch-reflektierte Frau vor, die als demokratische Sozialistin für Ihre Überzeugung eintrat und oft zwischen allen Stühlen saß. Dauerqualmend sitzt sie auf ihrer Couch irgendwo am westlichen Stadtrand von Berlin und blickt in breitestem Icke-Berlinerisch, das ihr die Eltern schon in der Kindheit und später die Lehrer an der Schauspielschule vergeblich abgewöhnen wollten, auf ihr Leben zurück.

Das Schönste an dem Film über Bettina Wegner sind die Auftritte der altersweisen Frau, die eine Punchline nach der anderen raushaut, wie Matthias Dell auf ZEIT Online so schön schrieb. Dabei sind die meisten Erlebnisse und Gefühle, die die Liedermacherin schildert, gar nicht zum Lachen. Seitdem sie 1983 aus der DDR ausreisen musste, fühlt sie sich „entwurzelt“. Auch vier Jahrzehnte später spricht sie immer noch von „drüben“, wenn sie ihre neue Heimat meint. Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 setzte ein Exodus der kritischen Intelligenz ein, mehr und mehr ihrer Freunde gingen in den Westen. Auch als Wegner Anfang der 1980er Jahre nur noch im Westen auftreten durfte, war sie lange entschlossen, in der DDR auszuharren und nach jedem Konzert wieder hinter die Mauer zurückzukehren. Erst als ihr der damalige Promi-Anwalt und spätere Polit-Star Gregor Gysi klarmachte, dass die Alternative Exil oder Haft lautet, ging sie schließlich doch in die BRD.

Dort erlebte sie Anfang der 1980er Jahre auch die Zeit ihres größten künstlerischen Ruhms: sie zählte neben Joan Baez zu den prägendsten Künstlerinnen der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung. Ihr Song „Kinder“ mit dem Refrain „Sind so kleine Hände“ wurde zu ihrem berühmtesten Hit. Später weigerte sie sich viele Jahre, dieses Lied bei Konzerten zu spielen. Erst seit kurzem singt sie dieses Lied, das den meisten beim Namen Bettina Wegner als erstes einfällt, wieder zum Abschluss ihrer Konzerte. Einen dieser unprätentiösen Auftritte irgendwo in der Provinz hat Regisseur Lutz Pehnert mit seinem Kamera-Team Anne Misselwitz und Thomas Lütz auch für diesen Film dokumentiert: erstaunlich kraftvoll ist die Stimme der Künstlerin, in der all die Brüche ihres Lebens Spuren hinterlassen haben. Vom ständigen Qualmen und auch altersbedingt klingt sie nun wesentlich tiefer als das zarte Stimmchen der damals 21 Jahre jungen Frau, die sich beim Verhör für ihre Flugblatt-Aktion gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings rechtfertigen musste. Sie wurde aus der Haft freigelassen, in die Produktion geschickt und konnte erst später wieder als Sängerin arbeiten. Typisch Wegner ist der lakonische Kommentar, mit dem sie sich an ein Verhör erinnert: Da sie nicht mitansehen konnte, wie mühsam der Beamte auf der Schreibmaschine die richtigen Tasten suchte, ließ sich die gelernte Bibliothekarin das Gerät kurzerhand rüberreichen und tippte ihre Vernehmung selbst.

Zu dem Zeitpunkt hatte Bettina Wegner schon einiges erlebt: Sie ist vor dem Mauerbau in Lichterfelde geboren, einem Stadtteil von Berlin, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Als der Vater, ein überzeugter Kommunist, die Miete nicht mehr zahlen konnte, da er für seine Arbeit als Redakteur eines Blattes im sowjetisch besetzten Sektor nur Ost-Mark bekam, musste die ganze Familie nach Pankow umziehen. Dort verliebte sich Wegner in den charismatischen Schriftsteller Thomas Brasch, an den Albrecht Schuch und Andreas Kleinert im vergangenen Herbst mit ihrer Kino-Hommage „Lieber Thomas“ erinnerten. Ihre Jugendliebe, für seine zahlreichen Affären berüchtigt, ließ Wegner aber schon nach anderthalb Jahren mit einem kleinen Kind sitzen. Kurz danach kam es zur ersten Konfrontation mit der DDR-Staatsmacht, die ihr Leben für die kommenden Jahrzehnte prägen sollte. Sie rieb sich an dem Staat, musste 1983 nach langen Kämpfen ausreisen und landete schließlich wieder im West-Teil der Stadt, wo sie geboren ist, seit mittlerweile fast vierzig Jahren lebt, sich aber dennoch nicht heimisch fühlt.

Regisseur Lutz Pehnert bewies schon mit „Partisan“, einem Rückblick auf die Volksbühnen-Ära von Intendant Frank Castorf, dass er einen sensiblen Blick auf Künstlerbiographien wirft, die von ihren Erfahrungen in der DDR und den Brüchen der Wendezeit geprägt sind. Liebevoll, aber nicht hagiographisch ist auch das Porträt „Bettina“, urteilte Juliane Liebert in der SZ.

Nach „Partisan“ 2019 wurde auch „Bettina“ ins Panorama der Berlinale 2022 eingeladen. Beide Filme brachte Salzgeber anschließend auch ins Kino: „Bettina“ startete am 19. Mai 2022.

Bild: Werner Popp

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