The Seven Sins

Im Haus der Berliner Festspiele ist wieder Ruhe eingekehrt: Zwei Wochen im Mai herrscht dort Hochbetrieb. Die Theaterblase trifft sich im Garten und sieht die nach Meinung einer Fach-Jury zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des Jahres, wobei die Auswahl zuletzt zu häufig persönlichen Geschmacks-Vorlieben der Jury-Mitglieder und/oder den aktivistischen Vorgaben der scheidenden Leiterin des Theatertreffens folgte.

Hinter den noch eingerüsteten Fassaden wird die neue Intendanz vorbereitet: im September folgt Matthias Pees auf Thomas Oberender. Das neue Programm wird vorbereitet, hoffentlich steht das Haus, das unter dem früheren Namen Freie Volksbühne West-Berliner Theatergeschichte schrieb, nicht mehr so oft leer. Hoffentlich gibt es dann auch weiterhin hochkarätige Tanzgastspiele der internationalen Creme de la Creme wie vom Nederlands Dans Theater oder Rambert Dance. In dieser Liga spielt überraschend seit einigen Jahren auch die Stuttgarter Compagnie Gauthier Dance mit, die dank großzügiger Sponsoren mehrmals in Berlin Station machen konnte.

Im ZEIT-Feuilleton bekam Gauthier Dance vor kurzem den Ritterschlag und wurde schon in der Überschrift als „das neue Stuttgarter Tanzwunder“ apostrophiert. Nach Berlin schafften sie es in diesem Frühjahr leider nicht, aber die neueste Produktion des Theaterhauses Stuttgart gastierte in dieser Woche nur eine Zugstunde entfernt in dem Städtchen in der norddeutschen Tiefebene, das für seine Auto-Produktion und seinen vom Konzern gesponserten Fußballklub bekannt und sonst ähnlich verschnarcht ist wie die niedersächsische Landeshauptstadt.

Der Weg dorthin lohnt sich, denn „The Seven Sins“ ist eine 90minütige Best-of-Version des Theatertreffen-Konzepts: Eric Gauthier, dessen Talent als Kommunikator und Netzwerker die ZEIT rühmte, charmierte das Who is who der Star-Choreograph*innen-Szene wohl so ähnlich wie auch sein Publikum – und alle kamen.

Sieben Miniaturen entwarfen sie für diesen Abend: ein kurzes Stück über jede der biblischen Todsünden. Mit viel Komik beginnt der Reigen: Sidi Larbi Cherkaoui lässt das Ensemble in typischen fließenden Bewegungen den Mammon anbeten und um das goldene Kalb tanzen. Für „Habgier“ hat Verle van de Wouwer Kostüme aus Geldscheinen entworfen, in die alle am Ende der Szene schlüpfen.

Gegen die Schwerkraft und Müdigkeit kämpft anschließend das Duo an, das „Faulheit“ der Kanadierin Aszure Barton performt: wie in Trance taumeln sie, ihre Oberkörper kippen mehrfach nach hinten weg, sie können sich kaum gerade halten, alles zieht sie zu Boden.

Kerzengerade treten anschließend die Kämpferinnen in „Hochmut“ von Marcos Morau (La Veronal) an die Rampe. Hochnäsig und stolz präsentieren sie sich im Einheits-Look, der an Glaubenskämpferinnen und Amazonen denken lässt.

Die energiegeladensten Auftritte inszenieren die beiden bekanntesten Choreograph*innen des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland: Steil verlief die Karriere von Marco Goecke, zu den peitschenden Klängen des Protopunk-Klassikers „Heroin“ von Velvet Underground zuckt Gaetano Signorelli durch das „Völlerei“-Solo. Eine Umbesetzung war für „Zorn“ von Sasha Waltz, der Grande Dame der Berliner Tanz-Szene, nötig: statt zwei weiblicher Furien geht beim Wolfsburger Gastspiel ein gemischtes Doppel aufeinander los.

Für explosive, mitreißende Choreographien zu Rock bzw. Berghain-Techno sind die beiden Israelis Hofesh Shechter (neben Goecke derzeit der zweite Haus-Choreograf von Gauthier Dance) und Sharon Eyal bekannt. Beide entschieden sich für „Wollust“ bzw. „Neid“ für einen ruhigeren Stil, der mit den Sehgewohnheiten und ihrem Image bricht.

Bilder: Jeannette Bak

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