Blank

In der Tradition der britischen Theater- und Filmemacher, die ein ungeschminktes, düsteres Bild der Realität zeichnen, steht auch Alice Birch. Bekannt wurde sie in der Deutschland mit „Anatomie eines Suizids“, die deutschsprachige Erstaufführung von Katie Mitchell konnte beim Theatertreffen 2020 im ersten Corona-Lockdown nur als statischer Video-Mitschnitt gezeigt werden, das Stück wurde in dieser Spielzeit aber auch bereits am Berliner Ensemble inszeniert.

„Blank“ lautet der Titel des nächsten Stücks von Birch, die deutschsprachige Erstaufführung sicherte sich diesmal Anna Bergmann, Schauspieldirektorin am Badischen Staatstheater Karlsruhe, im Februar 2022, kurz danach wurde „Blank“ auch schon im Malersaal des Schauspielhauses Hamburg inszeniert.

Viel Spielraum lässt Birch den Regisseur*innen: sie dachte sich 100 Szenen aus und lädt die Theatermacher*innen ausdrücklich ein, ihre Lieblingsstellen auszuwählen und frei zu arrangieren. Volker Hintermeier hat ein mehrstöckiges Gerüst ins Kleine Haus des Staatstheaters gebaut, Bergmann montierte in die Guckkästen dieses Rohbaus ein Panorama von sozialer Verwahrlosung und Gewalt. In Großaufnahme hält die Live-Kamera auf die Lebensbeichten und Übergriffe, die wir in den ersten zwei Stunden des langen Abends erleben.

Recht unübersichtlich sind die Figuren und ihr Verhältnis zueinander. Diese Figuren fungieren aber ohnehin vor allem als Thesenträger. Redundant wirkt diese schnelle Abfolge von Miniaturen über Elend und Brutalität, da die Kernaussage von Birch/Bergmann schnell klar ist. Die Spieler*innen drehen das Bühnenmonstrum dennoch nach jeder Szene unermüdlich weiter.

Nach der Pause ändert sich der Ton der Inszenierung komplett: das Ensemble speist an einer üppigen Tafel. Fast alle sind nackt, die Männer komplett, die Frauen tragen zum Teil schamhaft Stoffreste, nur die Sopranistin Frida Östberg trägt elegante Abendgarderobe. Ihre Aufgabe ist es, der wohlstandsverwahrlosten Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Sehr plakativ ist also auch dieser zweite Teil der Inszenierung geraten, den die einen als Farce, die anderen im Stil der antiken Theatertradition als Satyrspiel bezeichnen.

Bild: Thorsten Wulff

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