Auslöschung. Ein Zerfall

Dieser Sound ist wohlbekannt: zweieinhalb Stunden erleben wir auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin Österreich-Bashing der Marke Thomas Bernhard. Kurz vor seinem Tod rechnete er in seinem letzten großen Prosawerk 1986 noch mal mit seinen Landsleuten ab: über einen „katholisch-nationalsozialistischen“ Sumpf zetert er. Wenn wir ein Trinkspiel gemacht hätten und die DT-Kantine jedesmal, wenn einer dieser Begriffe fällt, eine Runde Schnaps ausgegeben hätte, wären viele schon zur Pause hackedicht gewesen.

Keine leichte Aufgabe, die sich Karin Henkel mit ihren beiden Dramaturginnen Rita Thiele und Juliane Koepp ausgesucht hat: viele hundert Seiten mäandert Bernhards Anklage vor sich hin, mit demselben Hammer drischt er unverdrossen auf den selben Nagel ein. Das Trio destillierte aus den Textmassen eine Fassung, die den Stoff spielbarer, aber nicht unbedingt spielerischer machte.

1986 war bekanntlich das Jahr, in dem in Österreich eine hitzige Debatte über die Nazi-Vergangenheit des Bundespräsidenten Kurt Waldheim begann. Damals war der Text auf der Höhe der Zeit, heute wirkt er so museal wie die letzte Szene, bei der Statistinnen mit Fotoapparaten und Notizblöcken durch das verlassene Landgut der Familie Murau stapfen.

Franz Josef, der einzige Sohn einer oberösterreichischen Familie, die im Nationalsozialismus mitlief und dann bruchlos weiterhin oben mitschwamm, flüchtete nach Rom, muss aber zurück in den miefigen Ort seiner Kindheit, als seine beiden Schwestern ihm ein Telegramm über den Unfalltod der Eltern (Manfred Zapatka und Almut Zilcher) schicken. Die Hauptrolle stemmt vor allem Bernd Moss, wird dabei je nach Lebensalter, von dem gerade erzählt wird, auch von Linn Reusse, Daniel Zillmann und zwei sich abwechselnden Kinderdarstellern unterstützt.

Bernd Moss, Linn Reusse, Daniel Zillmann

Das wäre alles eine recht freudlos-museale Angelegenheit, wenn Henkel nicht immer wieder auf Comedy-Elemente setzen würde: Daniel Zillmann ist nicht nur einer der vier Muraus, sondern auch seine Schwester Amalia, die meist im Doppelpack mit Anja Schneiders Cecilia auftaucht: zwei fröhliche Blondinen im roten Heidi-Kleidchen witzeln sich durch den recht langen Abend. In der zweiten Hälfte gelingt die Auflockerung der Anklage-Suada aus düsteren Kindheitserinnerungen und Weltekel besser. Das schönste Bild gelingt Henkel, als ein gläserner Fahrstuhl eine ganze Truppe aufgetakelter Alt-Nazis zu einem grotesken Auftritt von der Unterbühne heraufspült.

Die Roman-Adaption, in die Fragmente anderer Prosawerke und Schnipsel aus Bernhard-Stücken hineinmontiert sind, ist eine solide Arbeit, die jedoch sichtlich mit den Textmassen zu kämpfen hat, durch die sich das Ensemble wühlt. Der Erkenntnisgewinn bleibt überschaubar. Gelungener war Karin Henkels letzte Auseinandersetzung mit Thomas Bernhard: Vor wenigen Jahren hat sie „Auslöschung. Ein Zerfall“ schon einmal für die Bühne bearbeitet. Handwerklich sehr präzise verzahnte sie diesen Romanplot unter dem Titel „Die Übriggebliebenen“ am Schauspielhaus Hamburg mit „Ritter Dene Voss“ und „Vor dem Ruhestand“ zu einem dreifach gespiegelten Zombie-Gruselkabinett. Rita Thiele, auch diesmal als Co-Dramaturgin beteiligt, wurde für ihre präzise Textarbeit 2019 mit dem Rudolf Mares-Preis ausgezeichnet.

Bilder: Thomas Aurin

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