Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!

Nach 3,5 Stunden war an diesem Sommerabend schon Schluss. Castorf-Kenner reiben sich die Augen: wo bleiben die obligatorischen zwei Stunden, in denen ein Abend des Meisters völlig durchhängt, die Fremdtexte ausfransen und sich der Saal leert, bevor dann die letzten Getreuen nach Mitternacht hinaus wanken.

Seiner Jelinek-Bearbeitung „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ tut diese ungewohnte Kürze gut: So fokussiert und präzise war schon länger kein Abend des abgetretenen Volksbühnen-Heroen mehr. Zum Einstieg arbeitet er sich an Sebastian Kurz ab, damals zur Spielzeiteröffnungs-Premiere im Wiener Akademietheater im September 2021 war sein Heiligenschein als Wunderknabe der österreichischen Politik auch schon deutlich verblasst, er aber immerhin noch im Kanzler-Amt.

Die wortgewaltigen Passagen, in denen Jelinek mit ihrem Regierungschef abrechnete und die Karin Beier in ihrer Hamburger Uraufführung wegließ, kostet Castorf für sein Wiener Publikum aus. Minutenlang wird er nur umschrieben, bevor Kurz dann in vielfacher, sich selbst widersprechender Ausführung in einer Videoschnipsel-Collage über die Leinwand flimmert und später noch als Pappmaché-Double über die Bühne stolpert.

Marcel Heuperman mit Sebastian Kurz-Pappmaché-Kopf und Mehmet Ateşçi̇

Noch mehr Jelinek gibt es vor deutlich gelichteten Reihen nach der Pause, wenn der am Burgtheater zuletzt oft unterforderte Mehmet Ateşçi̇ mit dem Hammer auf den Corona-Hotspot Ischgl eindrischt. Lois Hechenblaikners Bildband über den Aprés-Ski-Wahnsinn, der beim Steidl Verlag veröffentlicht wurde und mittlerweile traurige Berühmtheit erlangte, blättern die Spieler*innen gemeinsam durch.

Die Pandemie ist in den Medien derzeit nur als Hintergrundrauschen präsent und trotz Empfehlung trägt nur noch eine Minderheit im Saal Maske, aber mit vielen treffend ausgewählten Querdenker*innen- und Impfgegner*innen-Zitaten ist der Abend, der bei den Autor:innentheatertagen an diesem Wochenende am Deutschen Theater Berlin gastiert, ein anregendes und wichtiges Zeitdokument, das die aufgeheizten Debatten der vergangenen beiden Jahre spiegelt.

Natürlich gibt es die üblichen Castorf-Manierismen wie exzessiven Live-Video-Einsatz: meist wird nur auf der Hinterbühne, verdeckt von einem Lattenzaun, gespielt und gebrüllt. Für diesen Jelinek-Abend hat er allerdings ein starkes Ensemble versammelt. Marcel Heuperman brüllt sich regelrecht die Seele aus dem Leib, als er mit Schlachthof-Fabriken und Projekt-Ökonomie abrechnet. Dennoch hat er noch genug Luft und Spucke, um dem Publikum einen Profi-Tipp mit auf den Weg zu geben: Wenn Du nicht angespuckt werden willst, dann setz Dich halt nicht in die erste Reihe!

Bilder: Matthias Horn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.