Der Einzige und sein Eigentum

Sebastian Hartmann steht für schier endlose Abende, die dicke Wälzer der Weltliteratur assoziativ umkreisen und düster raunen. Wie ein typischer Hartmann-Abend beginnt auch „Der Einzige und sein Eigentum“ zur Spielzeit-Eröffnung am Deutschen Theater Berlin. Nebelschwaden hüllen die Bühne ein und recht früh am Abend setzt auch Linda Pöppel zu einem ihrer unverwechselbaren Verzweiflungs-Soli an. Mit gesenkten Köpfen und ganz in Schwarz schleppt sich das Ensemble dahin.

Doch es geht wesentlich bunter weiter: das Ensemble wechselt munter seine Kostüme (Adriana Braga Peretzki), schlüpft in elegante Abendrobe und schrille Revue-Kleider. Ähnlich munter wechselt auch die Inszenierung ihren Sound, ihre Farbe und ihre Stimmung: die Klänge, die PC Nackt komponierte, erinnern mal an Operette, mal an Mitklatsch-Musicals. Über die Video-Leinwand von Hartmanns langjährigem Arbeitspartner Tilo Baumgärtel flimmern melodramatische Szenen wie aus expressionstischen Stummfilmen. Mit weit aufgerissenen Augen und Trippelschritten performen die Spieler*innen Clowns-Nummern, Zombie-Einlagen und vor allem sehr viel Sprechgesang.

Auf dem Bild: Cordelia Wege, Elias Arens, Linda Pöppel, Niklas Wetzel, Anja Schneider

Das hängt zwar in einigen Passagen etwas durch und es dauert auch seine Zeit, bis man sich in den Sound des Abends eingehört hat. Das Ergebnis fügt sich dennoch zu einer überraschend runden Revue, mithin zu einem Genre, das viele Hartmann eher nicht zugetraut hätten. Im Programmheft ist denn auch ausführlich nachzulesen, wie der Regisseur mit dem Vorschlag des DT-Chefdramaturgen Claus Caesar fremdelte, sich Max Stirner und seinen radikalliberalen Ideen zu widmen. Auch daraus ein Musiktheater zu machen, stand nicht von Beginn an fest, sondern war ein glückliches Zufallsprodukt des Annäherungsprozesses an die gemeinsame Arbeit.

Max Stirner kennen wohl die wenigsten und auch nach dieser Revue weiß man kaum mehr über den anarchistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts und sein Werk. Zum Kern dringt die Revue nur selten vor. Am besten gelingt dies in einem Solo von Elias Arens, ebenfalls eine feste Größe in Hartmann-Abenden, der darüber skandiert, dass er sich keinem Recht unterwirft und keine Herrschaft über sich anerkennt. Natürlich darf in einer Hartmann-Inszenierung auch eine Radikal-Performance seiner Partnerin Cordelia Wege nicht fehlen, die kurz vor Schluss in ein Wasserbassin eingeschlossen wird und nach Luft ringt. Aber diese Szene ist ebenso nur ein Gimmick wie die 3D-Passage, die ohne jeglichen Bezug zum Rest über die Videowand flimmert und nur wenige Minuten kurz ist. Auch für diesen L´art pour l´art-Einfall gilt: er schaffte es in den Abend, weil Hartmann und sein Team einfach Spaß daran hatten. Und dieser Spaß überträgt sich auch auf das Premierenpublikum, das einen Abend beklatschte, der im Mittelteil zu sehr in Albereien zu versinken drohte, am Ende aber doch die Kurve bekam.

Bilder: Arno Declair

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