Sinfonie des Fortschritts

90 Minuten lang rechnen die moldauische Regisseurin Nicoleta Esinencu und ihr Performer*innen-Trio Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan, Kira Semionov mit dem westeuropäischen Wohlstandsmodell ab. In orangefarbener Bauarbeiter oder Müllmänner-Kluft setzen sie zu einer Frontaltheater-Suada an, die entweder umfangreiche Kenntnisse in moldawischem Rumänisch und Russisch oder eifriges Mitlesen der Übertitel erfordert.

Es ist zutreffend, aber auch allgemein bekannt: unsere Gesellschaft hat sich nicht nur in Abhängigkeit von russischem Gas begeben, sondern würde auch in Schwierigkeiten geraten, wenn all die – zum großen Teil osteuropäischen – Migrant*innen ihre prekären Jobs in der Pflege, bei Lieferdiensten und bei der Saisonarbeit auf den Erdbeer- und Spargel-Plantagen einstellen würden.

Die Anklage mündet in einen Twist: das Publikzm möge sich bitte vorstellen, dass sich die Verhältnisse plötzlich umkehren und die Westeuropäer*innen die „Drecksarbeit“ erledigen müssen, die im Osten niemand machen will.

Der Dokumentar-Theaterabend wird von Soundtüfteleien gerahmt und untermalt. Die Monologe werden von einem Kratzen, Schaben und Brummen begleitet, die Bohrmaschinen treten immer wieder in Aktion. Zum Teil verleiht dies den recht monotonen Anklagen einen interessanten Rhythmus, oft bleibt es aber auch nur bei schmückendem Beiwerk und Hintergrundrauschen.

Überraschend schaffte es die „Sinfonie des Fortschritts“, die zu Beginn der Omicron-Welle im Januar 2022 im HAU Premiere hatte, als eine der wenigen Freie Szene-Produktionen auf die Longlist des Theatertreffens, wurde jedoch nicht eingeladen.

Bild: Dorothea Tuch

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