Bühnenbeschimpfung

In quietschbunten Kostümen und mit ausladenden Lady Gaga-Frisuren kommt das Quartett des Abends auf die Bühne und holt sich den Schlussapplaus inklusive Standing Ovations ab. Sobald sie sich etwas weniger exzentrische Kleidung zugelegt haben, beginnen Aysima Ergün, Lindy Larsson, Vidina Popov und Mehmet Yilmaz ein Theaterbetriebs-Kabarett. Im Ping-Pong mit dem häufig einbezogenen Souffleur (Christian Bojidar Müller) tänzeln sie durch manche Kalauer und einige gelungenere Pointen, tippen viele Themen an: von der Eitelkeit der Aushängeschilder eines Hauses über die Existenz-Ängste von Freiberuflern bis zu den langweiligen Routinen des Ensemble-Daseins verhandeln die Spieler*innen viele Aspekte ihres Berufs.

Nicht immer zeigt sich ein roter Faden, aber die Nummernrevue hat doch ihre amüsanten Momente. Auch die Vorwürfe gegen Gorki-Intendantin Shermin Langhoff während des Lockdowns 2021 und die Frage, wie viel Kritik sich ein Arbeitnehmer, insbesondere ein Ensemble-Spieler, leisten kann, ohne Gefahr zu laufen, mehr oder minder subtil an den Rand gedrängt zu werden. Aysima Ergün und Vidina Popov verhandeln diese ernsten Fragen mit viel Charme und Witz.

Im zweiten Teil von Sivan Ben Yishais Betriebssatire wird Mitmachtheater parodiert: vier Nachwuchs-Schauspieler*innen (Sofian Doumou, Zari Eder, Nele Jochimsen, Bashar Kanan), die als vermeintlich „normales“ Premierenpublikum im Saal verteilt waren, werden scheinbar mit nervigen Fragen behelligt und genötigt, gescriptete Dialoge von der Leinwand abzulesen. Schon in dieser zweiten, kürzeren Hälfte verliert der Abend an Schwung und Witz.

Deutlich zu lang gerät der Nachklapp: das Publikum wird in langatmigen Fragerunden zu Beziehugsstatus, finanziellen Verhältnissen oder Therapiestatus aufgefordert, Farbe zu bekennen, bevor das nun mit acht Personen komplette Ensemble in einer bunten Spielzeug-Stein-Aktion an einer besseren Theaterwelt bastelt.

Solange der „Bühnenbeschimpfung“-Abend im ersten Teil bei sich blieb, bot er eine vergnügliche Nabelschau, die zwar selbstreferentiell war, aber für ein theateraffines Publikum einen gewissen Unterhaltungswert besaß. Je länger der Abend voranschritt, desto mehr fiel Sebastian Nüblings Inszenierung jedoch in sich zusammen.

Die Theatertreffen-Jury sah dies offensichtlich ähnlich: die „Bühnenbeschimpfung“ schaffte es zwar auf diec Shortlist, aber nicht in die 10er Auswahl. Dort landete mit der Münchner „Nora“ ein andererc Text von Sivan Ben Yishai.

Bild: Esra Rotthoff

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