Angabe der Person

192 Seiten lang kalauert sich Elfriede Jelinek durch ihre jüngst bei Suhrkamp erschienene Textfläche „Angabe der Person“ wie üblich vom Hölzchen aufs Stückchen. Doch statt scharfsinniger Gegenwartsanalyse zu Trump oder Pandemie bietet dieser neue Text vor allem Nabelschau der Literaturnobelpreisträgerin.

Wenn man die Steuerfahndung am Hals hat, ist dies sicher unangenehm und erst recht schmerzhaft, wenn man wegen Angststörung so zurückgezogen leben muss wie Jelinek. Ihren Ärger über den Umgang mit den Münchner Finanzbehörden hackte sie in die Tasten und schließt ihn mit einer Klage über die im Holocaust ermordete jüdische Verwandtschaft väterlicherseits kurz.

Gewaltige Textmassen, aber wenig Perlen bietet dieser überlange Text, den Jossi Wieler für die Uraufführung am Deutschen Theater Berlin auf 2,5 pausenlose Stunden gekürzt hat. In einer weitgehenden Regie-Verweigerung lässt der ehemalige Intendant der Stuttgarter Staatsoper seine drei Spielerinnen nacheinander in ermüdend langen Monologen an die Rampe der fast leeren Bühne treten und den Text frontal ins Publikum ballern. Ensemble-Mitglied Linn Reusse macht den Auftakt, etwas kurzweiliger geht es mit den beiden Stargästen weiter, die Ulrich Khuon zum Ende seiner Intendanz zumindest für diesen Abend zurückholte: Fritzi Haberlandt und Susanne Wolff prägten viele Inszenierungen am Thalia Theater Hamburg, letztere auch noch in der ersten Hälfte von Khuons langer DT-Ära.

Jede der drei gibt ihrem Part eine eigene Note: Haberlandt betont die Comedy-Elemente, bekommt Szenenapplaus und Gelächter, als sie sich mehrfach über die Kargheit des Abends lustig macht. Wolff tritt kühl und divenhaft auf, mit ihrem typischen, spöttischen Grinsen um die Mundwinkel performt sie ihren Monolog.

Auf der Zielgeraden wird auch Wielers Regie abwechslungsreicher: mal sprechen die Spielerinnen im Chor, dann kommt der Text nur noch vom Band, bis schließlich Bernd Moss, der den ganzen Abend über fast stumm als Anspielstation und Jelineks Ehemann auf der Bühne saß, ganz allein zurückbleibt, zum Textbuch der Souffleusse greift, die letzten Seiten abliest und das Licht ausdreht. Kraftlos und uninspiriert war der Abend jedoch schon in den langen Stunden davor. Die Star-Schauspielerinnen deuteten ihr Können an, aber der Abend kam über ein Live-Hörspiel eines nur mäßig interessanten Jelinek-Texts nicht hinaus.

Auch die Theatertreffen-Jury setzte die „Angabe der Person“-Uraufführung nur auf die Shortlist, lud sie zurecht nicht in die 10er-Auswahl des Theatertreffens 2023 ein.

Bild: Arno Declair

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