Caligula

Der „Caligula“ von Albert Camus ist mehr philosophische Versuchsanordnung als Theaterstück und stellt jede Regie vor gewaltige Anforderungen.

Dass sie diese stemmen kann, bewies Lilja Rupprecht mit ihrer Inszenierung am Münchner Volkstheater 2015/16: Max Wagner hatte damals einen fulminanten Auftritt als Kaiser, der radikal frei ist. Aus Trauer, Überdruss und Verzweiflung hat er sich von allen Bindungen an Werte und gesellschaftliche Normen gelöst. In einem eindrucksvollen Solo voller Rockmusik trieb Wagners „Caligula“ seinen Hofstaat an seine emotionalen und physischen Grenzen und buchstabierte die existentialistische, radikale Freiheit in all ihrer Konsequenz bis zum finalen Suizid durch.

Netter und menschlicher wirkt Elias Arens in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin: im Pailetten-Glitzerdress kommt er auf die vielfach verspiegelte Bühne. Auch er mutet seinen hochrangigen Senatoren einiges zu, lässt sie in immer neuen Crossdressing-Kostümen, Latex-Bodysuits, Strumphosen oder Slips antreten und demütigt sie mit Enteignungen oder unsinnigen Befehlen, die seiner Lust des Augenblicks entspringen, und zermürbt sie mit dem Mord an ihren Angehörigen.

Trotz Triggerwarnung bleibt dies in jedem Moment nur Theater. Arens spielt als „Caligula“ den rasenden Herrscher, geht aber nie so in seiner Rolle auf wie Wagner in der Münchner Inszenierung, der über die Szenerie raste, tobte und seine Machtspiele vom Publikumssaal aus sichtlich genoss.

So fehlt Rupprechts „Caligula“ diesmal das Kraft-Zentrum, auf den alles konzentriert ist. Die anderen Spieler sind von vornherein nur Schachbrettfiguren, die der Kaiser nach Belieben verschiebt und wie Puppen an seinen Fäden tanzen lässt. Der Senat wird in Berlin von Guido Lambrecht (Scipio, bei der gestrigen Vorstellung sprang krankheitsbedingt ein dänischer Kollege mit Textbuch ein), Manuel Harder (Cherea), Harald Baumgartner (Senectus), Jeremy Mockridge (Patricius) und Niklas Wetzel (Mucius). Manchen ist in den Kostümen, die Annelies Vanleaere facettenreich gestaltet hat, ein Unbehagen anzumerken. Oder täuschte dieser Eindruck?

Wie schon in ihren letzten Arbeiten am DT bezieht Rupprecht auch diesmal wieder Spieler*innen vom inklusiven Theater RambaZamba ein: Christian Behrend, Juliana Götze, Rebecca Sickmüller und Jonas Sippel teilen sich die Rolle des Helicon, der Caligula den Mond bringen soll.

Während Rupprechts Münchner „Caligula“ ein rasantes Theaterfest mit einem wütenden Tyrann im Zentrum war, lotet ihre Berliner Inszenierung sieben Jahre später vor allem die philosophische Versuchsanordnung des Textes aus. Christina Schmitts Bühne arbeitet mit Überblendungen, Perspektivwechseln und atmosphärischen Lichtwechseln, die die Bühne mal zum Amphitheater machen, in der die Senatoren in ihren Kostümen vorgeführt werden, mal zum verwinkelten Palast, in dem sich Caligula verirrt.

Bild: Arno Declair

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