Es ist vielleicht sein letzter großer Film: Mit 87 Jahren war Volker Schlöndorff noch einmal nach Cannes eingeladen. 1965 debütierte er dort als Jungstar des deutschen Autorenkinos mit der Robert Musil-Verfilmung „Der junge Törless“. 1979 war er dort auf dem Zenith mit der „Blechtrommel“ nach Günter Grass. Der Goldenen Palme folgte der Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Mit „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ kam er im Mai 2026 zurück, nicht mehr in den Wettbewerb, sondern in die Reihe Cannes Premières für neue Filme etablierter Regisseure, die mit dem aktuellen Werk im Rennen um die Palmen nicht mithalten könnten.
Weit holt Erpenbecks Vorlage aus: in einem Grundstück am Scharnützelsee ziehen die Ereignisse der deutsch-deutschen Zeitgeschichte vorbei. Der Holocaust, dem die Familie eines jüdischen Fabrikanten (Ulrich Matthes) zum Opfer fällt, das karrieristische Mitläufertum eines NS-Architekten (Lars Eidinger), dessen Frau (Susanne Wolff) beim Vormarsch der Roten Armee vergeewaltigt wird, die kritische Solidarität einer aus dem Exil zurückgekehrten Schriftstellerin (Martina Gedeck) und schließlich die Enkelin, die den Ort ihrer Kindheitserinnerungen nach dem Mauerfall wegen des Prinzips Rückgabe vor Entschädigung verliert.
Während der 2007 erschienene Roman zwischen den Ebenen springt, hat Drehbuchautor und Regisseur Schlöndorff die Kapitel in eine chronologische Reihenfolge gebracht und entschlackt. In de zwei Stunden rollt ein Geschichtspanorama ab, das für zwei Zielgruppen perfekt ist: für die Senioren der Zielgruppe 70+, die ihn munter vor sich hinbrabbelnd kommentieren, und für Abiturienten, die keinen Bock haben, sich durch das Buch zu quälen und sich dennoch das prüfungsrelevante Wissen aneignen möchten. Seitdem „Heimsuchung“ in mehreren Bundesländern Abi-Stoff ist, gab es diverse Adaptionen auf den Bühnen, z.B. am DT Berlin, und nun auch im Kino.
Alle anderen sind von diesem altmeisterlichen Werk unterfordert: die Größen des deutschen Theater- und Filmschaffens, aber auch viele Zuschauer. Wie Kamil Moll im Filmdienst treffend ätzte, verfilmt Schlöndorff nicht nur den Roman, sondern auch noch die Lektürehilfe mit. So plakativ wird jede Szene erklärt und ausbuchstabiert, gerne noch durch Erzählerinnen-Kommentar (Maria Matschke) aus dem Off doppelt unterstrichen.
Schlöndorffs 14. Literaturverfilmung, wie Andreas Kilb in der FAZ nachzählte, wurde im Einstein-Haus in Caputh gedreht und hatte am 16. Mai 2026 in Cannes Premiere. Nach weiteren Festival-Auftritten in Wien und Zürich kam „Heimsuchung“ am 15. Oktober 2026 in die Kinos.
Bild: Studiocanal/Ziegler Film