Die Holländerinnen

Das muss man anerkennend feststellen: Jan Friedrich und sein Team nehmen die Aufgabe, „Die Holländerinnen“ auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin zu bringen, sehr ernst. Eng bleiben sie an der Vorlage, werktreu arbeiten sie die 160 schmalen Seiten durch.

Wie im Roman tritt eine Autorin, ein Alter ego der Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger, auf die Bühne: Carmen Steinert, seit dem Frühjahr neu im DT-Ensemble und auch schon bei Friedrichs Magdeburger-„Blutbuch“-Hit beim Theatertreffen 2025 an selber Stelle dabei, setzt zu ihrer Poetik-Vorlesung an. Vorne das Pult, dahinter die Holzwand. Nüchtern, sachlich, distanziert: so ist der Ton der Vorlage, so ist der Stil der Inszenierung.

Als Roman firmiert Elmigers Buch. Das könnte falsche Erwartungen wecken. Es handelt sich mehr um eine mit kultur- und literaturwissenschaftlichen Verweisen gespickte, an Adorno und Lacan geschulte Reflexion über Schreiben, Erzählen und Erinnern. Formal geht es um eine True Crime-Expedition eines exzentrischen Theatermachers und seiner Crew auf den Spuren von zwei jungen Frauen aus Leiden, die tatsächlich unter ungeklärten Umständen 2014 im Dschungel von Panama verschollen sind.

Konsequent im Konjunktiv I erzählt Elmiger ihre Rahmenhandlung und die vielen kleinen Geschichten, die sich das Team gegenseitig erzählt. Die Schriftstellerin hatte die Aufgabe, dieses Material zu protokollieren, verhedderte sich aber dabei so maß- und ziellos wie die gesamte Expedition. „Die Holländerinnen“ sind kein Lesevergnügen, sondern eine Kopfgeburt, die sich die Autorin in jahrelanger Arbeit abgerungen hat. Wahrscheinlich wären sie ein Jahr nach ihrem Erscheinen angesichts der kurzlebigen Aufmerksamkeitszyklen des Buchmarkts schon wieder vergessen, wenn „Die Holländerinnen“ nicht im Oktober 2025 den Deutschen und kurz danach auch den Schweizer Buchpreis gewonnen hätten.

Die Theater stürzen sich traditionell auf den Gewinner-Roman, acht Häuser haben ihn auf den Spielplan genommen, die Uraufführung sicherte sich im September Magdeburg, gestern zog das DT Berlin nach.

Wie bringt man einen solch sperrigen, auf Insider zielenden Text auf die große Bühne? Einige naheliegende Optionen gäbe es: der Theatermacher, der die Expedition anführt, ist ein exzentrischer, phrasendreschender Blender. Ihn könnte man als schenkelklopfende Karikatur im Zentrum des Abends verankern und mit Moritz Kienemann, Schauspieler des Jahres 2025, hat man auch einen Akteur mit dem nötigen Ego und den Rampensau-Qualitäten im Ensemble. Das wäre allerdings ein billiger Ausweg, deshalb ersparte sich ihn Friedrich dem Publikum und sich selbst. Ganz explizit spielt Elmigers Roman auf die toxische Beziehung von Werner Herzog und Klaus Kinski bei ihren „Aguirre, der Zorn Gottes“-Dreharbeiten an. Auch dieser Motivstrang würde Schauspielfutter liefern, Herzog und Kinski sind in ihrer ausgeprägten Individualität beliebte Parodie-Opfer auf Kleinkunstbühnen. Und natürlich könnte man aus dem Zirpen, Brüllen und Rauschen der Tierwelt und den Farben der Dschungelflora einen bildgewaltigen, soghaften Trip machen. Die Videokamera lag bereit und kommt oft zum Einsatz, aber auch gegen diesen Weg entschied sich Friedrich.

Er zieht ein anderes Konzept durch: Kompomisslos bleibt er am Text. Stur in indirekter Rede wird er vorne an der Rampe ins Publikum deklamiert oder auf der Hinterbühne in die Live-Videokamera gesprochen. „Zombietheater“ ist eines der Schlagworte des Theatermachers im Buch. Theater, so lässt der Impresario wissen, sei „immer ein Zombietheater, das von den Untoten handle“. Das verkündet auch Kienemann in einer Schlüsselrolle vor der Pause und genau dieses leblose Zombietheater liefert auch Friedrich in seinem Debüt am DT Berlin.

Die Geister scheiden sich bei der Premiere am 16. Oktober 2026 naturgemäß daran: die eine Hälfte in meiner Reihe floh zur Pause, die andere Hälfte, vornehmlich „Family and Friends“ des Inszenierungs-Teams, johlten nach mehr als drei Stunden voller Begeisterung.

Bilder: Eike Walkenhorst

 

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