Gentle Monster

Léa Seydoux trägt diesen Film. Der wandlungsreiche französische Kinostar, als Bond-Girl ebenso präsent wie als Stammgast im Wettbewerb von Cannes, spielt die Konzertpianistin Lucy. Als die Polizei eines Morgens an der Tür des frisch bezogenen bayerischen Landhauses klingelt und ihren Mann, den erfolglosen Dokumentarfilmer Philipp (Laurence Rupp), mit auf die Dienststelle nimmt, bricht ihre Welt zusammen. Kinderpornographie lautet der Vorwurf, wie wir ebenso wie Lucy erst später erfahren.

Sehr nuanciert spielt Seydoux diese Figur: ihr sprachloses Erschrecken, ihr Grübeln, wie sie nur übersehen konnte, dass ihr Partner in dieses Verbrechen versteckt ist, und vor allem auch die Momente, in denen sie sich an jeden Strohhalm klammert und Philipp jede seiner Versionen abkauft, warum er Kinderporno-Dateien auf dem Rechner hatte.

Seit 2020 befasste sich die österreichische Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer mit den erschreckend alltäglichen Tätern der Kinderpornografie. In vielen Interviews und Rezensionen wurde erwähnt, dass Kreutzer überraschend 2023 auch in ihrem unmittelbaren Umfeld mit einem Vorfall konfrontiert war. Wenige Monate nach dem Kinostart ihrer Sissi-Studie „Corsage“ wurde Florian Teichtmeister,  der in diesem Film den Kaiser Franz Joseph spielte, wegen Kinderpornographie verhaftet und anschließend zu zwei Jahren Haft verurteilt.

„Da dachte ich zuerst: Ich kann diesen Film nicht mehr machen. (…) Ich habe relativ bald gemerkt: Das ist wahrscheinlich gerade der Grund, warum ich ihn machen muss. Weil es meine Ur-Idee bestätigt hat, dass ich sicher Täter kenne“, schilderte Kreutzer im Interview mit der taz ihr Ringen mit diesem Thema.

„Gentle Monster“ konzentriert sich ganz auf Lucys Perspektive. Bohrende Fragen bleiben auch nach dem ersten Schock: Hat Philipp auch den gemeinsamen Sohn Johnny (Malo Blanchet) missbraucht und gefilmt? In mehreren Einstellungen läuft Rupp komplett nackt durch die Wohnung. Wenn er nachts einen Blick ins Kinderzimmer wirft, ist er dann wirklich nur fürsorglicher Vater? Sein nackter Leib bleibt eine „ständige körperliche Bedrohung“, wie Valerie Dirks im Standard herausarbeitete.

Neben der herausragenden Hauptdarstellerin ist die subtile Kamera von Judith Kaufmann besonders hervorzuheben: „weder aufgeregtes Verzweiflungsgeschrei noch Haneke-artige Kühle, sondern ein gleichermaßen analytischer und empathisch-interessierter Blick“, beschrieb Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher den Stil treffend.

Im Wettbewerb von Cannes gewann „Gentle Monster“ keine der Palmen, nur den ArteKino International Prize. Nach der Deutschland-Premiere im CineMasters-Wettbewerb beim Filmfest München wurde das Drama zu weiteren Festivals wie Toronto und Zürich eingeladen. Am 17. September 2026 brachte Alamode den Fim in die deutschen Kinos.

„Ein schmerzhaft wichtiger Film“, betonte Kathleen Hildebrand in der SZ. Der hoffentlich in den übrigen Sälen unter besseren Bedingungen laufen wird als bei meiner Vorstellung, die ein Boomer-Paar störte, das allen negativen Klischees über diese Spezies entsprach. Ganz selbstverständlich, wie sie es seit Jahrzehnten gewohnt sind, reklamieren sie den öffentlichen Raum für sich und nerven mit ihrem Geplapper. Wenn man sie um Ruhe bittet, erntet man nur rotzig-pampiges „Setzen Sie sich doch woanders hin.“

Toxisch-übergriffiges, keine Grenzen akzeptierendes Verhalten beschreibt auch die Parallelgeschichte in Kreutzers Film. Die Ermittlerin Elsa (Jella Haase) hat damit zu kämpfen, dass ihr pflegebedürftiger Vater seine migrantische Pflegekraft verbal demütigt und sexuell übergriffig ist. Dieser Parallelstrang führt zwar dazu, dass die Handlung manchmal auf der Stelle tritt, weitet aber das Panorama auf unterschiedliche Arten untragbarer Grenzüberschreitungen.

Bild: © Film AG / Alamode Film

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