Lear

Nach der Sommerpause kennen die Regiegrößen der Berliner Bühnen kein Erbarmen mit ihrem Publikum. Ein sanftes Ankommen in der neuen Spielzeit ist nicht vorgesehen, stattdessen werden gleich Sitzfleisch und Nervenkostüm arg strapaziert.

Die ehemalige Volksbühnen-Ikone Frank Castorf hielt den durchhaltefähigen und -willigen Teil seines Premieren-Publikum beim „Mephisto“ nach Klaus Mann mehr als sechs Stunden bis weit nach Mitternacht im Saal des Berliner Ensembles.

Einen Tag vorher waren es zwar „nur“ zweieinhalb Stunden, die Barrie Kosky für seinen „Lear“ brauchte. Aber Unterhaltungstheater, das sich entspannt konsumieren ließe, war auch dieser Abend keinesfalls. Von der ersten Sekunde an kreischt, zirpt und kratzt das Orchester unter der Leitung von Nicholas Carter. Ständig „am Rand des Nervenzusammenbruchs“ taumle die Partitur von Aribert Reimanns 1978 uraufgeführter Adaption der Shakespeare-Tragödie, konstatierte Udo Bading im Tagesspiegel.

Nah an der Vorlage aus dem Theaterkanon bleibt das Libretto. Regisseur Barrie Kosky, der die Komische Oper Berlin im vergangenen Jahrzehnt zu glanzvollen Höhen führte und dem Haus nach seiner Intendanz eng verbunden bleibt, und seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst betonen die Verzweiflung und Verlorenheit der Figuren. Zwischen den steil ansteigenden Zuschauerreihen bleibt ein Quadrat, auf dem sich die Sängerinnen und Sänger meist im maximalen Abstand gegenüberstehen. Wir blicken von oben auf die Menschlein auf ihrem Seziertisch, ebenso erbarmungslos wie die brutalen, rohen, „zahnschmerzhaften Klangreibungen“ (Gerald Felber in der FAZ) ist das Lichtdesign von Olaf Freese, das die Figuren verfolgt und in die Enge treibt.

Die einschüchternd-abweisende Monumental-Architektur im Hangar 4 des Flughafens Tempelhof, der 1936 von Ernst Sagebiel als Selbstfeier der nationalsozialistischen Ästhetik erbaut wurde, lässt die nervenzerrenden Klanggewitter noch deutlich stärker zur Geltung kommen als dies in einem klassischen Opernhaus naturgemäß je der Fall sein könnte.

Zum vierten Mal in Folge macht die Komische Oper Berlin aus der sanierungsbedingten Not eine Tugend und eröffnet mit einem großformatigen Spektakel im Berliner Süden jenseits der Interimsspielstätte im Schillertheater. Der Kontrast zum Crowdpleaser aus dem Vorjahr, dem Rock-Musical „Jesus Christ Superstar“, könnte jedoch kaum größer sein. Statt einer großen Umarmung für das Publikum gibt es diesmal karge, sperrige Kost, die uns sehr viel abverlangt.

Das ist durchaus untypisch für Kosky, der mit seinen Operetten-Ausgrabungen ein ganz besonderes Händchen für elegant-perlende Unterhaltung bewiesen hat. Die formstrenge Tragödie, die er sich diesmal ausgesucht hat, lässt keinen Raum für komödiantische Zwischenspiele. Auch die koboldhaften Auftritte von Dagmar Manzel als Närrin bieten kaum Gelegenheit zum Entspannen oder Durchatmen. Hier startet er von Sekunde eins an einen so enervierenden Angriff auf Gehörgänge und Nervenstränge des Publikums, das es kaum noch Steigerungsmöglichkeiten gibt. Das ist aus meiner Sicht auch die entscheidende dramaturgische Schwäche des atonalen Monstrums von Aribert Reimann.

Dem Publikum wird nichts erspart. Das beginnt schon mit der auf jedes Plüsch und jeden Komfort verzichtenden sehr engen Konferenz-Bestuhlung auf den Rängen. Mehr als einmal polterten die zappelnden Beine der Zuschauerin aus der hinteren Reihe gegen meinen Stuhl. Auch nach einer Entschuldigung ging es einfach so weiter. Passend zum „Lear“-Stoff, der bis zum für die meisten tödlichen Finale auch einfach so weitergeht.

„Lear“ hatte am 16. September 2026 im Hangar 4 des Flughafens Tempelhof als Produktion der Komischen Oper Berlin Premiere, weitere Termine folgen bis zum 3. Oktober.

Bild: Monika Rittershaus

 

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