Città del Vaticano

Die dritte Zusammenarbeit von Falk Richter mit dem israelischen Choreographen Nir de Volff (nach „Never forever“ an der Schaubühne und „Small Town Boy“ am Gorki) schlägt sich mit einem grundsätzlichen Problem herum.

Ausgangspunkt des Abends ist, dass sich die Tänzer und Schauspieler in einem Stuhlkreis wie auf der Probebühne langsam an den Stoff herantasten. Sie sprechen sich mit ihren echten Vornamen an und stellen sich gegenseitig die Gretchenfrage „Wie hast Du´s mit der Religion?“

In den ersten Minuten von „Città del Vaticano“ hagelt es Kritik an der katholischen Amtskirche: an den reaktionären Thesen des abgedankten Papstes Benedikt aka Ratzinger, an den äußerst dubiosen Geschäften der Vatikanbank, an der allgemeiun bekannten Heuchelei und Doppelmoral.

So weit, so klar.

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In den restlichen knapp zwei Stunden entfernt sich das Ensemble jedoch vom Ausgangspunkt. Assoziativ reißen sie viele Themen an, die Falk Richter auch in seinen früheren Projekten umtrieben: die AfD und ihr Rezept, die Sehnsucht nach einer heilen, wohlgeordneten Welt zu bedienen; die Karikatur der homophoben „Demo für alle“, die mit Schaum vor dem Mund gegen alle und jeden wettert, was nicht in ihre engen Schubladen passt; und einiges mehr.

Falk Richter und sein Ensemble spannen einen sehr weiten Bogen. Vieles wirkt aber noch unfertig, mitten aus dem Probenmodus. Dem Abend ist deutlich anzumerken, dass es sich um ein „Work in Progress“ handelt: der Text ist nicht fixiert, die Dialoge sind an jedem Abend etwas anders.

Wütend, aber weniger präzise werden die bekannten Missstände erneut angeprangert. Aber es fehlen bisher ein roter Faden und eine starke Klammer. Zu oft schimmert noch Ratlosigkeit durch. Auffällig ist auch, dass die Synthese aus Tanz und Theater, das Markenzeichen von Falk Richters Arbeiten, diesmal weniger gut gelingt.

Eine interessante Frage ist, wie diese Inszenierung in einem Jahr aussehen wird. Vielleicht werden diese Kritikpunkte im Lauf der Zeit noch abgeschliffen.

Obwohl „Città del Vaticano“ nicht das gewohnte Niveau von „Fear“, „Small Town Boy“ und „Never forever“ erreicht, gibt es auch hier starke Momente: Zurecht erhält Steffen Link langen Szenenapplaus für seine eindrucksvolle, sehr persönliche Schilderung, wie tief sich das lustfeindliche Klima der Angst in seinen Körper eingeschrieben hat. Er ist in einer freikirchlichen Gemeinde aufgewachsen.

Christian Wagner und Vassilissa Reznikoff treffen den Richter-Sound am besten: der eine pfeffert seine Tiraden von der Rampe, die andere verkörpert sehr überzeugend die Ohnmachtsgefühle eines Mitte-Hipsters bei ihrer Klage über die zu komplexen Verhältnisse.

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Kurz vor Schluss kehrt der Abend wieder zu seinem Ursprung und Titel zurück: in einer witzigen Choreographie schlüpfen die fünf Jungs in die Rolle einer Boy-Band (mit ihren beiden Kolleginnen im Hintergrund), die für den Vatikan beim nächsten Eurovision Song Contest antreten möchte. Diese unterhaltsame Revue-Nummer ist ein versöhnliches Ende dieses Theater-Tanz-Stückentwicklungs-Abends.

„Città del Vaticano“ von Falk Richter & Nir de Volff: Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen am 20. Mai 2016 im Schauspielhaus Wien. Gastspiel am Gorki in Berlin am 16. und 17. Juni 2016

Bild: © Matthias Heschl

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