Der eingebildete Kranke

„Alles, was raus muss, muss raus!“ schreit Jule Böwe als Béline: Michael Thalheimers „Der eingebildete Kranke“ springt kopfüber in die derbe und drastische Komik.

Der auf 100 Minuten gekürzte Abend kostet jede Blähung seiner Figuren aus, die zucken, zappeln und grimassieren: ganz so als ob bereits Herbert Fritsch an der Schaubühne angekommen wäre, der aber mit seiner dadaistischen Körperkomik erst in der nächsten Spielzeit von der Volksbühne an den Kudamm herüberwechselt.

Thalheimer, der Meister der archaischen Tragödien von Penthesilea bis zur Orestie, setzt zwar auch diesmal auf die anfangs recht monotone, erst zum Schluss zum Crescendo anschwelende Musik von Bert Wrede und einen markanten Bühnenbild-Quader von Olaf Altmann, ansonsten ist dieser Abend bewusst sehr weit von der gewohnten Thalheimer-Ästhetik entfernt, mit der er zuletzt Schillers „Wallenstein“ auf die Bühne wuchtet.

Der Eingebildete Kranke

Die Figuren sind wimmernde, greinende, stark überzeichnete Karikaturen, die jeden Slapstick auskosten und in quietschbunten Kostümen, die an Barock und Rokoko erinnern, durch diese grelle Farce torkeln. Die Körperflüssigkeiten fließen, es wird nach Leibeskräften geröchelt und gekotzt. Die rote Farbe spritzt auf die weißen Kacheln.

Die Ärzte wissen nicht, was sie tun. Stattdessen quaksalbern sie mit derart brachialen Methoden herum, dass sie mehr Schaden als Nutzen anrichten: der Abend orientiert sich an dem lesens- und hörenswerten WDR-Feature „Der König stinkt“ (1973),  das im Programmheft abgedruckt ist und die Methoden der Leibärzte des Sonnenkönigs anschaulich schildert.

Aber Thalheimer wäre nicht Thalheimer, wenn das ganze Komödien-Halligalli nicht doch einen Haken hätte und noch eine Brechung ins Tragische bekäme. Er rahmt den Abend mit einem Solo der Titelfigur, des Hypochonders Argan (Peter Moltzen).

Der Eingebildete Kranke

Am Anfang und am Ende steht er ganz allein in seinem engen Krankenzimmer-Quader und rezitiert die „Hölle“, ein Gedicht des Barockdichters und Molière-Zeitgenossen Andreas Gryphius: „Ach! und weh! Mord! Zeter! Jammer! Angst! Kreuz! Marter! Würme! Plagen. Pech! Folter! Henker! Flamm! Stank! Geister! Kälte! Zagen! Ach vergeh!“ Schmerz und Todessehnsucht von Gryphius rahmen den Komödien-Klassiker von Molière und geben dem Abend einen neuen Dreh.

Thalheimer bietet also klassisches „Konzepttheater“, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleiben soll, wie es André Mumot in seiner „Fazit“-Premierenkritik für Deutschlandradio Kultur auf den Punkt brachte. Dem Abend fehlt jedoch die Eleganz von Thalheimers vorheriger Molière-Inszenierung, als er Schaubühnen-Star Lars Eidinger als „Tartuffe“ auftreten ließ.

„Der eingebildete Kranke“ hatte am 18. Januar 2017 an der Schaubühne Premiere. Weitere Informationen und Termine

Bilder: Katrin Ribbe

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