Willkommen bei den Hartmanns

Mainstream-Kinokomödie aus Deutschland trifft auf Abrechnung mit österreichischer Politik: das ist das Konzept von „Willkommen bei den Hartmanns“ im Wiener Akademietheater.

Kurz nach dem Höhepunkt der Debatte um Zuwanderung und Flüchtlinge, die im Lauf der Jahre 2015/16 immer schärfere Züge annahm und tiefe Risse in der Gesellschaft sichtbar machte, brachte Simon Verhoeven einen soliden Unterhaltungsfilm in die Kinos, der gleichmäßig nach allen Seiten austeilte und die hitzige Debatte in ein Popcorn-Multiplex-taugliches Happy-end münden liess.

Erwartungsgemäß entwickelte sich „Willkommen bei den Hartmanns“ (Kritik) zu einem Kassenhit. Verhoevens Mutter Senta Berger spielt die wohlmeinende Lehrerin im Ruhestand, die sich mit ihrem Engagement für Flüchtlinge selbstverwirklichen will. Auch andere Positionen werden durch den Kakao gezogen: der neoliberale Yuppie, der nur an seine Karriere denkt und die ganze Debatte gar nicht wahrnimmt, die besorgte Bürgerin, die sich in Hass und Paranoia hineinsteigert, die esoterisch-weltfremde Yogalehrerin, die mit ihrem Helfersyndrom mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt.

All diese Karikaturen bevölkern auch die Theaterfassung von „Willkommen bei den Hartmanns“, die Angelika Hager aus Simon Verhoevens Film erarbeitete. Der Plot wird routiniert nacherzählt und die mal mehr, mal weniger treffsicheren Pointen ausgekostet.

Interessant ist, an welchen Stellen die Inszenierung von Peter Wittenberg eigene Akzente jenseits der Filmvorlage setzt: gleich in den ersten Minuten werden einige Spitzen gegen den „Jungkanzler“ abgefeuert. Sebastian Kurz wird als „selbstgefälliger Schnösel“ vorgeführt. Allerdings landet der Abend sehr schnell bei niveaulosem Spott über Äußerlichkeiten. Statt inhaltlicher Kritik geht es nur noch um die Ohren des künftigen Kanzlers. 

Willkommen bei den Hartmanns | Simon Verhoeven, Angelika Hager| Akademietheater
Simon Jensen, Alexandra Henkel, David Wurawa, Markus Hering

Ein zustimmendes Raunen ging durch das Wiener Premierenpublikum, als die fremdenfeindliche Nachbarin der Hartmanns (Sabine Hartmann) zu einem Rundumschlag ansetzt und beklagt, dass auch im Ensemble des Burgtheaters vor allem „Piefkes“ aus dem Nachbarland die Rollen bekommen. Sie hält es stattdessen lieber mit Orbán.

Wo die Sympathien des Regieteams liegen, wird an anderer Stelle deutlich: Diallo, der bei den Hartmanns aufgenommen wird, trägt Ausschnitte aus der Collage „Illegal. Wir sind da. Wir sind viele“ von Björn Bicker, Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, vor.

Bilder: Reinhold Werner

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