Von einem Zwischenfall in der Psychiatrie der Charité anderthalb Jahre vor dem Fall der Mauer gehen River Roux und Bibiana Mendes in ihrer Performance „prick, prick, boom“ aus, die sie für den 3. Stock der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz entwickelt haben.
Ein Patient, wie es in den Akten heißt, hielt einer Schwester eine Spritze an den Hals. Drei Polizisten und die Chefärztin waren alarmiert, reagierten aber hilflos. Der Zwischenfall mit dieser jungen Transfrau ist eines von vielen Beispielen, wie hilf- und ratlos die Medizin-Geschichte auf Transgender reagierte.
River Roux trägt die Stufen dieser damaligen Eskalation sehr konzentriert in Video-Einspielern vor. Sie sind der rote Faden dieses 90minütigen Abends, den sonst leider wenig zusammenhält. Auf dem Abendzettel ist zwar zu lesen, dass das Team noch in weiteren Archiven z.B. bei der Magnus Hirschfeld-Stiftung und im Schwulen Museum recherchierte, davon ist aber wenig eingeflossen.
Sprunghaft mäandert „prick, prick, boom“, wirkt oft wie ein Proben-Zwischenstand, der kurz vor Spielzeit-Ende noch veröffentlicht werden sollte. Porno-Videos stehen unverbunden neben Paartanz mit ausgewählten Zuschauerinnen, zu Stroboskop-Gewitter gibt es eine Techno-Version des Schlagers „Er gehört zu mir“, im Stil von Florentina Holzinger malträtieren sich die vier Performer*innen gegenseitig mit Nadeln. Viele kleine Einfälle, aber wenig Zwingendes.
Dass die René-Pollesch-Entdeckung River Roux Talent hat, bewies sie schon mit ihrem Roten Salon-Solo „juice“, das Matthias Lilienthal übernehmen will, und bei ihrem Gorki-Gastspiel in „Androgynous“ von Lola Arias. Man darf auf weitere Arbeiten gespannt sein.
„prick, prick, boom“ hatte am 8. Mai 2026 im 3. Stock der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz Premiere.