heiner 1-4

So melancholisch-versponnen wie der Titel „heiner 1-4 (engel fliegend, abgelauscht)“ ist auch der 100 Minuten kurze Abend, der an diesem Wochenende im Kleinen Haus des Berliner Ensembles uraufgeführt wurde.

Neben Einar Schleef, dem das HAU zum 65. Geburtstag ein Chorprojekt und eine Gala inclusive Laudatio von Fabian Hinrichs widmete, hätte noch ein weiterer Theater-Monolith, der in unsere Zeit herüber ragt, aber unnahbar und fremd wirkt, in diesem Monat einen runden Geburtstag feiern können.

Drei charakteristische Utensilien, die von den fünf Spieler*innen in der Mitte platziert werden, reichen im pantomimischen Prolog, um klarzumachen, um wen es an diesem Abend geht: um Heiner Müller mit seiner überdimensionalen Brille, seiner ständig qualmenden Zigarre und seinem Whiskey-Glas, das er in Interviews so gerne schwenkte, während er als Orakel mit süffisantem Grinsen düstere Sätze raunte.

In der ersten Stunde treten die Spieler*innen in Grüppchen abwechselnd an die Rampe und tauschen sich plaudernd über die Polaroidaufnahmen aus dem Band „Der Tod ist ein Irrtum“ aus. Der berühmte Dramatiker, der nach dem Zusammenbruch der DDR plötzlich zwischen allen Stühlen saß, an einer Schreibblockade litt und mit Stasi-Vorwürfen konfrontiert war, verliebte sich in die junge Fotografin Brigitte Maria Mayer und wurde kurz vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter noch einmal Vater.

Assoziativ schildern sich die Spieler*innen gegenseitig ihre Eindrücke von den oft sehr privaten Aufnahmen des Paares, die das Publikum an diesem Abend nicht zu sehen, sondern nur beschrieben bekommt. Konsequent wird dieser Ton durchgehalten. Unermüdlich schwirrt der Abend um sein Zentrum, ohne ihm einen entscheidenden Schritt näher zu kommen. In den Vordergrund schieben sich mehrfach Kathrin Wehlisch und Felix Rech als Todesengel, die über dieser kurzen, späten Liebe schweben.

Die nach einem berühmten, zuletzt z.B. auch von Benjamin Lillie in Sebastian Hartmanns „Woyzeck“ performten Müller-Text „Bildbeschreibung“ benannte Szene ist von Müller-Interview-Schnipseln durchzogen. Im Kulturbetrieb des frisch wiedervereinigten Deutschlands war Müller ein sehr gefragter Interviewpartner. Viele seiner Orakelsprüche, die nach dem Zusammenbruch der Diktatur des Proletariats vor einem Turbokapitalismus und einem Rechtsruck warnten, klingen erstaunlich hellsichtig.

Müller war aber nicht nur häufiger Talkgast, sondern als Präsident der Akademie der Künste (Ost) und Co-Intendant des Berliner Ensembles auch wichtiger Funktionär in einer orientierungslosen Transformationszeit.

Daran erinnert die Kulturbetriebs-Farce, die aus heiterem Himmel in die so gemächlich dahinplätschernde Müller-Collage hineinplatzt. Zeitzeug*innen hatten auch bei der zweiten Vorstellung sichtlich Spaß an der Szene, in der Carl Hegemann als schrulliger Dramaturg, Martin Wuttke als überarbeiteter Star des Hauses und Rüdiger Schaper als Feuilleton-Redakteur des West-Berliner Leitmediums Tagesspiegel aufeinanderprallen und in dem Vakuum, das die Abwesenheit des bereits todkranken Müller vor seiner legendären, bis heute mehr als 200 Mal gespielten „Arturo Ui“-Inszenierung von 1995 hinterließ, noch mehr Chaos stiften.

Nach diesem Intermezzo, das für alle Nachgeborenen begrenzten Reiz und Unterhaltungswert hat, kehrt der Abend zu seinem melancholisch-raunenden Grundton zurück, wird allerdings noch hermetischer als zuvor. In einer statisch frontal ins Publikum gesprochenen Traumsequenz wandelt Müller in Begleitung einer Teenagerin und eines an den Rollstuhl Gefesselten an der Spree entlang, die zum Totenfluss in die Unterwelt wird, wo Kathrin Wehlischs Todesengel den Schlusspunkt setzt.

Bild: Matthias Horn

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