Allee der Kosmonauten

Kurz vor der Uraufführung von „rauschen“ gab es an diesem Wochenende die seltene Gelegenheit, ein Frühwerk der Choreographin Sasha Waltz zu erleben. „Allee der Kosmonauten“ feierte an diesem Wochenende die 150. Jubiläums-Aufführung bei einem Gastspiel an der Volksbühne.

Im September 1996 hatte diese Choreographie ihre Premiere: Berlin-Mitte war damals noch Großbaustelle mit unzähligen Freiräumen. Einen davon nutzte eine Gruppe um die damals 33jährige Sasha Waltz: sie gründeten im ehemaligen Handwerksvereinshaus die Sophiensaele, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer festen Größe der freien Szene entwickelten. „Allee der Kosmonauten“ war die Eröffnungspremiere der neuen Spielstätte und bescherte Waltz prompt eine Einladung zum Theatertreffen 1997.

Dass dieses mit bescheidenem Etat entwickelte Frühwerk weit von der Opulenz der jüngsten Arbeiten der mittlerweile international gefragten Star-Choreographin entfernt ist, ist selbstverständlich. Heute arbeitet Waltz bei „Exodos“ oder „Kreatur“ mit gefragten Modedesignern, großem Ensemble aus bekannten Namen und mit raffinierten Sound- und Lichteffekten. Aber auch mit einem abgewohnten Sofa, einem Akkordeon und sechs Tänzer*innen konnte Waltz damals eine überzeugende Arbeit entwickeln.

An der Inszenierung „Allee der Kosmonauten“ – benannt nach einer großen Verbindungsstraße zwischen Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf – fällt die Verspieltheit auf. Fast wie im Musikkabarett mixt Waltz verschiedene Stilrichtungen von berühmter Filmmusik über Klassik bis zum Schlager, der in diesem Drei-Generationen-Plattenbau-Haushalt besonders gerne gehört wird. Der feine Humor, der genaue Blick auf Alltagssituationen und das präzise Timing der Pointen erinnern an Christoph Marthaler, der in jenem Jahr mit zwei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen war und stilprägend wirkte.

In Erinnerung bleibt vor allem, wie schlafwandlerisch-geschickt die Tänzer*innen dem Holzbrett ausweichen, das ein Kollege gedankenlos mit sich herumschleppt. Aus der Ur-Besetzung sind nur noch Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola und Takako Suzuki dabei. Er und seine Mitspieler*innen beherrschen die ungelenken, staksigen Bewegungen perfekt: Oft wirken sie wie Zombies, eingefroren, roboterhaft und minimalistisch, bis sich die aufgestaute Energie der Frustrierten, die auf engem Raum aufeinanderhocken, wieder Bahn bricht.

Bilder: Sebastian Bolesch

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