Drachenherz

Diese Gang perspektivloser Jugendlicher aus dem fiktiven Städtchen Deutschhagen könnte uns auch draußen vor der Tür irgendwo in Neukölln begegnen, einem Bezirk mitten im Umbruch, weg vom Schmuddel-Image des Problembezirks, hin zum Gentrifizierungs-Hotspot, in dem junge Hipster aus aller Welt zusammenkommen.

Freitag nach eins wissen die Jungs um Günni (Florian Heinke) nichts mit sich anzufangen und auch nicht wohin mit ihrer überschüssigen Energie: Der junge Tunesier Nasir (Tristan Giovanoli), den sie als „Abi-Ali“ verspotten und dem sie sich weit unterlegen fühlen, da er das Gymnasium besucht, ist das perfekte Opfer zum Geld-Abziehen.

Der Minderwertigkeitskomplex der Gang wird noch dadurch geschürt, dass plötzlich der blonde Modellathlet Fred auftaucht, der Jenny (Nicola Kripylo), der Schwester des Gangleaders, den Kopf verdreht und die anderen Jungs mit seinem sehr definierten Sixpack neidisch macht. Dieser Jung-Siegfried wird von Denis Riffel mit Irokesenschnitt verkörpert, dem man seine Trainingseinheiten als ehemaliger Taekwondo-Kämpfer deutlich ansieht.

Aber auch das restliche Ensemble dieses starken UdK-Jahrgangs muss sich nicht verstecken, weder athletisch noch tänzerisch. Das große Plus von „Drachenherz“ ist seine testosterondampfende, überschießende Energie. Es ist eine Freude, dem talentierten Nachwuchs dabei zuzuschauen, wie sie sich in Breakdance- und Hiphop-Choreographien austoben, die sie mit ihrem Professor Peter Lund und Neva Howard einstudieren. Es macht ihnen sichtlich Spaß, sich in ihre Rollen zu werfen, und diese Freude am Spiel überträgt sich auch aufs Publikum.

Der Abend lebt vom Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Charaktere: Als Gegenpol zum Kraftsportler Fred tritt „Brüning“ (Florentine Beyer) auf, die sich als einzige Frau in der Männer-Clique durchbeißen muss und die Jungs zum Schwanzvergleich antreten lässt. „Baktus“ und „Tropi“ (Karim Plett und Timo Stacey) sorgen mit ihrem komischen Talent in dieser sehr freien Bearbeitung der Nibelungensaga für die lustigen Momente.

Für die Neuköllner Oper sind die jährlichen Neuproduktionen, die Peter Lund jeweils mit dem 3. Studienjahr der UdK einstudiert, eine feste Tradition. Diesmal kam das Theater Chemnitz als Kooperationspartner hinzu. Dort hatte „Drachenherz“ schon im März Premiere.

Die Performance der jungen Energiebündel ist in „Drachenherz“ sehr gelungen. Der Plot, den Lund nach den Nibelungen rund um die Themen Freundschaft, Verrat und Fremdenhass gegen Woda (Ngako Keuni) schrieb, ist diesmal nicht so stringent wie seine Vorgänger-Arbeiten. „Kopfkino“ oder „Welcome to Hell“ waren inhaltlich fokussierter, „Drachenherz“ wirkt dagegen überfrachteter und an einigen Stellen so, als ob Peter Lund unbedingt noch weitere Motivstränge in den zweieinhalbstündigen Abend unterbringen wollte.

Der weniger stringente rote Faden ließ den Schauspieler*innen diesmal größere Freiräume, ihr Können in Soli, tollen Gruppen-Tanzszenen und einer sehr präzise einstudierten Chornummer vor der Pause zu zeigen. Trotz der inhaltlichen Schwächen ist „Drachenherz“ ein unterhaltsamer Abend mit „Agilität, Körperpower und Bums“, wie Kulturradio so treffend zusammenfasste.

Bilder: ©Nasser Hashemi

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