Hedda Gabler

Wie eine verwöhnte Prinzessin an einem Rokoko-Hof wirkt diese Hedda Gabler: Lucia Bihler steckte Ibsens berühmte Dramenfigur in ein wallendes Ballkleid. Sie ist umgeben von eitlen Gecken, die sich selbstverliebt spreizen, und den beiden Zeremonienmeisterinnen dieser Inszenierung, die für das Zuziehen der Vorhänge, das Schleppen der Requisiten und das Aufziehen der Spieluhr zuständig sind. Dabei trippeln sie puppenhaft wie Marionetten.

Die Spieler*innen tauchen komplett in das Rokoko-Ambiente ein: jedes Wort und jede Geste wird mit überdeutlichen Grimassen und aufgerissenen Augen zelebriert. Jede Szene unterstreicht, in was für einer quietschbunten, durch und durch künstlichen Scheinwelt Hedda lebt. Sie erträgt die verlogenen Fassaden dieses Zeremoniells und die Männer, die sie wie Hofschranzen umtänzeln, nicht mehr und sehnt sich seufzend nach Freiheit, Unabhängigkeit und endlich einer Tat.

Timocin Zieglers Amtsgerichtsrat Brack wird zum übergewichtigen Bonvivant, der seine Finger nicht von den aufgetürmten Macarons lassen kann, von denen er „schnabuliert“. Heddas Ehemann (Jakob Immervoll) ist daneben ein unsicher herumhüpfendes Leichtgewicht, das seiner Frau nicht gewachsen ist und von ihr nicht ernstgenommen wird.

Bis hin zur Musik, die zu Playback-Arien vom Band kommt, hält Bihler ihre Setzung, Ibsens Drama vom ausgehenden 19. Jahrhundert um knapp zwei Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückzuverlegen, konsequent durch. Nur bei einem Befreiungs-Tanz-Solo von Anne Stein als Hedda Gabler werden die Rokoko-Klänge von Techno-Beats verfremdet. Und ihre Bücher schreiben die beiden rivalisierenden Wissenschaftler Jörgen Tesman (Immervoll) und Eilat Lövborg (Jakob Geßner) demonstrativ auf dem MacBook, die Kopie des verschwundenen Werks, das Heddas Tragödie auslöst, wird ganz zeitgemäß auf dem USB-Stick gespeichert.

Ibsens Drama ist so klug gebaut und so überzeitlich modern, dass ihm auch Bihlers Regie-Einfall, es um zwei Jahrhunderte in die hochartifizielle Welt des Rokoko zu verlegen, nichts anhaben kann. Hedda Gablers Tragödie berührt auch in dieser Inszenierung, die sich an ihrem bonbon- und pastellfarbenen Ausstattungs-Spaß erfreut und im vierten Akt ins stille Drama umschlägt.

Lucia Bihler gelang zum Spielzeitauftakt am Münchner Volkstheater eine solide, unterhaltsame Klassiker-Bearbeitung, die wesentlich überzeugender war als ihr Berliner Volksbühnen-Debüt „Final Fantasy“.

Bilder: Arno Declair

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