Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater

Die vermutliche Vorgeschichte des Abends, ein Dramolett in mehreren Akten:

Ulrich Khuon: Frau Rois, Sie sind doch jetzt bei mir im Ensemble. Jeden Monat machen wir vier tolle Premieren. Wann spielen Sie denn mal wieder mit? Ihr Einstands-Auftritt mit „Cry Baby“ liegt nun doch schon eine ganze Weile zurück.

Sophie Rois (rührt in ihrer Kaffeetasse): Ach, mal schauen. Theater braucht Muße und Inspiration.

Ulrich Khuon (zwei Wochen später): Haben Sie jetzt schon ein Projekt? Wäre nicht der Sebastian Hartmann was für Sie? Der macht doch immer so tolle, assoziative Stücke-Zertrümmungen, fast so wie Frank Castorf früher an der Volksbühne.

Sophie Rois: Hmmm. Nein, seine Inszenierungen dauern mir viel zu lang. 4 Stunden tue ich mir nicht mehr an.

Ulrich Khuon: Schade. Aber was wäre denn das was für Sie?

Sophie Rois: Lieber was Kurzes. 70-75 Minuten. Damit könnte ich mich anfreunden.

Ulrich Khuon: Na gut. Ich bitte meine Dramaturgie, Ihnen ein paar Vorschläge zu machen

Sophie Rois (leicht genervt): Hmm, ja, mal schauen.

Ulrich Khuon (erneut zwei Wochen später): Hat man Ihnen schon einen passenden Vorschlag gemacht. Ach, da fällt mir ein: Wir haben doch demnächst die erste Premiere von Ulrich Rasche am Haus. Wie sieht’s denn damit aus?

Sophie Rois (still zu sich): Hä? Vier Stunden auf dem Laufband? Da krieg ich die Krise. – (Laut zu Ulrich Khuon): Nein, das ist auch nicht so mein Fall. Aber schicken Sie mal gerne einen Dramaturgen mit einem Vorschlag vorbei.

Zehn Minuten später steht ein hoch motivierter Dramaturg mit einer langen Liste von 200 Vorschlägen am Tisch von Frau Rois in der Kantine, während sie gerade gemütlich ihren Kaffee trinken will.

Es sprudelt aus ihm heraus. Sie verdreht die Augen. Er nimmt es nicht wahr, preist das nächste Projekt an.

Sophie Rois schickt ihn höflich weg: „Ich muss Ihre Liste in Ruhe studieren.“

Sie legt das Papier zur Seite, seufzt, geht nach Hause.

Dort angekommen, nimmt sie sich die Liste vor, lässt ihren Finger kreisen und tippt mit geschlossenen Augen auf Marlen Haushofers „Die Wand“.

1963 erschien dieser Roman: ein innerer Monolog über eine dystopische Situation. Sie ist offensichtlich die einzige Überlebende nach einer Katastrophe, allein mit sich und ihren Gedanken.

Der Gedankenstrom der Protagonistin hat als Roman sicher seinen Reiz und wurde auch 2012 mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt. Für die Theaterbühne bietet sich dieser Monolog jedoch kaum an: das dramatische Potenzial des Stoffs ist gering. Es gab schon mal einen Versuch: Als Solostück von Dorothee Hartinger kam „Die Wand“ – ebenfalls 2012 kurz nach dem Kinostart – am Wiener Burgtheater zur Premiere, dort allerdings nicht auf der großen Bühne, sondern auf der Feststiege. Die Inszenierung wurde jedoch auf Nachtkritik als wenig überzeugendes „Liebhaberprojekt“ abgetan.

Vor allem fehlt diesem Roman der maliziöse Witz, der die letzten Texte auszeichnete, die Sophie Rois vortrug: Sie nippte bei ihren beiden vorhergehenden Solo-Projekten, die jeweils in Kooperation mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg entstanden, an ihrem Tee und ließ das Gift der Zeilen von Ian McEwan und William Somerset Maugham genüßlich ins Publikum träufeln.

Diese Momente vermisste ich in „Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“. Stattdessen muss sie sich mit etwas Slapstick behelfen, turnt auf einem überdimensionalen Torten-Imitat herum, tigert mit dem Kopftuch einer Bergbäuerin über die Bühne oder sitzt einfach nur auf der Couch und trägt die 21seitige Textfassung vor, die ihr Partner, der Musiker und Regisseur Clemens Maria Schönborn, mit ihr erarbeitete.

Zum Glück gibt es einige Knalleffekte, wenn sie mal wieder überraschend eine Gewehrsalve abfeuert, und die schönen Songs, u.a. eine Neudichtung von Wolfgang Ambros des Bob Dylan-Hits „Lika a Rolling Stone“, die Sophie Rois in breitestem österreichischem Dialekt vorträgt. Diese „Hallo wach“-Momente schrecken das Publikum hoch, das sonst bei dem betulich vor sich hinplätschernden, äußerst verqualmten Monolog einzunicken droht.

Symptomatisch ist, dass die witzige Applaus-Choreografie des kompletten Teams einer der einfallsreichsten Momente dieses szenisch enttäuschenden Monolog-Abends ist.

Bilder: Arno Declair

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