Jedermann (stirbt)

Diese Überschreibung des Salzburger „Jedermann“-Spektakels durch den Österreicher Ferdinand Schmalz erinnere ihn sehr an seine beiden letzten Berliner Gastspiel-Inszenierungen, erzählte der georgische Regisseur Data Tavadze im Programmheft-Interview. „Jedermann (stirbt)“ füge sich sehr gut in eine Reihe mit „Women of Troy“ und „Prometheus – 25 Years of Independence“, mit denen sich der Leiter des Royal District Theaters in Tiflis im Juni 2018 beim Radar Ost-Festival beim Deutschen Theater. Damals erzählte er von traumatisierten, stark verunsicherten Menschen, denen nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Bürgerkrieg das Grundvertrauen fehlt.

Ganz konsequent bringt er den Ferdinand Schmalz-Text „Jedermann (stirbt)“ als düstere, schwermütige Sprechoper auf die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters.

Doch diese Lesart ist ein gewaltiges Missverständnis. Bei dieser Berliner Neuinszenierung des Burgtheater-Auftragswerks bleibt vieles auf der Strecke, was den sprachverliebten, metaphernsatten Text ausmacht: die Ironie und vor allem das barocke, spielerische, vielleicht auch typisch österreichische Verhältnis zum Tod, das zwischen Lebensgenuss und Todessehnsucht pendelt.

Neben diesem Missverständnis kommt ein zweites Problem hinzu: Tavadze, der den Text nicht auf Deutsch, sondern nur in einer Übersetzung lesen konnte, konzentriert sich ganz auf den Klang der Wörter. Mal nur flüsternd, mal im Stakkato gehen die einzelnen Wörter unter, verlieren ihre Bedeutung, sind nur noch Teil eines Oratoriums, begleitet von stark überzeichneten Gesten wie aus einem expressionistischen Stummfilm und von einem Klangteppich der drei Live-Musiker an Kontrabass, Posaune und Klarinette im Hintergrund.

Wie zwei Fremdkörper wirken in dieser Melancholie die Slapstick-Einlagen von Paul Grill und Niklas Wetzel, die als dicker und dünner Vetter mal hinter einander herjagen, sich mal gegenseitig stützen und taumelnd vorantasten.

Diese „Jedermann (stirbt)“-Inszenierung von Tavadze steht in ihrer spröden Schwermut, die bis auf diese kurzen Momente dominiert, in scharfem Kontrast zur Wiener Uraufführungsinszenierung von Stefan Bachmann, die gleich nebenan zur Eröffnung der Autorentheatertage 2018 gastierte. Als eigenwillige Sprechoper ist der Abend aber auch nur schwer anschlussfähig an die ästhetischen Ansätze, die sonst auf den Berliner Bühnen zu erleben sind.

Bild: Arno Declair

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