Die Orestie

Die Atriden-Saga des Aischylos war eigentlich für heute angekündigt, in der Übersetzung des Peter Stein. Doch zu Beginn der knapp 140minütigen Vorstellung erleben wir zunächst etwas ganz Anderes: Sebastian Grünewald und Sólveig Arnarsdóttir sind in eine tiefe Ehekrise verstrickt, werfen sich Gemeinheiten an den Kopf, bis er sich ein Schutzvisier überzieht und handgreiflich wird. Schnell wird klar: Es handelt sich bei diesen Ausschnitten nicht um irgendeine Ehekrise, sondern um die Mutter aller Eheschlachten, das Duell von George und Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Als die Lounge-Musik von Gabriel Cazes am Piano verklungen ist und die verglaste Ehehölle mit dem Wohn- und Badezimmer der beiden alkoholisierten Streithähne langsam abgesenkt wird und schließlich im Bauch der Volksbühne verschwindet, kommt Sarah Franke auf die Bühne und setzt zu einer kleinen Corona-Comedy-Nummer an. Sie lästert ironisch über den Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, der sich während des Lockdowns mit einer Sinnkrise nach Island zurückgezogen habe, und über die Last mit den Abstandsregeln. Da es kein Anderer übernehmen wollte, habe sie sich bereit erklärt, als „Hygienebeauftragte“ penibel darauf zu achten, dass alle Vorschriften eingehalten werden, erzählt sie, und markiert stoisch die leere Bühne mit Klebeband-Streifen. An der Rückwand angekommen steigert sie ihr Solo zu einem langen Wut-Schrei: Endlich könne sie nun im Namen der Mitspieler*innen und des Publikums alles herausbrüllen: alle Aerosole, den gesamten Auswurf. Recht unverbunden mit dem Rest des Abends ist dieser kathartische Ausbruch aus der Corona-Zeit.

Erst dann übernehmen die Atriden-Figuren das Kommando. Arnarsson lässt sein – inklusive der Musiker – 12köpfiges Ensemble die wesentlichen Stationen der drei Teile der „Orestie“ des Aischylos durchspielen. Während Orest Vater und Mutter niedermetzelt, sehen wir auf den Bildschirmen links und rechts plötzlich wieder die Ehehölle von George und Martha, den beiden Albee-Figuren aus dem Prolog, die sie sich im Dauer-Loop weiterquälen. Den ewigen Kreislauf der Gewalt quer durch die Epochen hämmern uns diese Bilder ein.

Was Arnarsson am besten kann, ist sicher die monumentale Oper im Stil seiner „Edda“-Inszenierung, mit der er 2018 in Hannover überregional auf sich aufmerksam machte. Mit großem Volksbühnen-Wumms dröhnt es stimmgewaltig nach knapp zwei Stunden aus allen Boxen und Rohren. Sir Henry, ein Urgestein des Hauses, haut in die Tasten. Dies scheint das Finale des Abends zu sein.

Doch es folgt noch die für die gedankliche Kostruktion des Abends wichtigste Szene, die jedoch wie ein liebloser Nachklapp wirkt: Sebastian Grünewald, der George aus der Ehehölle, schlüpft plötzlich in die Rolle des Orest. Sein Monolog soll in den letzten Minuten der Inszenierung für die Klammer all der Einzelteile sorgen, die sich an diesem Abend nicht so recht zu einem Ganzen zusammenfügen. Der Abschluss ist leider symptomatisch für einen überfrachteten Abend, der so viele Fäden aufnimmt, sie aber sofort wieder fallenlässt und nicht schlüssig verbindet.

Im Vorfeld betonten Arnarsson und sein Team, dass sie an dem antiken Stoff vor allem der Ursprung der Demokratie und des Rechtsstaats, der sich im Prozess gegen Orest zeigt, interessiere. Eine tiefere Auseinandersetzung mit diesen Themen gelingt dem Schauspieldirektor der Volksbühne jedoch nicht. Im Gegenteil: Dass in der allerletzten Szene, bevor das Licht erlischt, eine Donald Trump-Karikatur unmotiviert über die Bühne trippelt, ist nicht mehr als ein platter Gag, der dramaturgisch in keiner Weise eingebunden ist.

Bilder: Vincenzo Laera

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