Alles unter Kontrolle

„Es ist alles unter Kontrolle“ beruhigt die Frauen-Stimme vom Band nach jeder Station dieses Parcours. Doch wie fragil der demokratische Zustand sein kann, zeigt schon das Exponat, das unserer kleinen Gruppe (maximal 10 Leute pro Slot) ganz am Anfang der Tour im Foyer des Gorki Theaters präsentiert wird: Der berüchtigte Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung ist aufgeschlagen. Jener Artikel, der dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg so weitreichende Vollmachten für ein Notstandsrecht und die Aushebelung der Demokratie gab. Jener Artikel, der den Feinden der Demokratie den Hebel in die Hand gab, sie zu zerstören und einer der Sargnägel der Republik wurde. Dieses Thema beschäftigte Frjlić auch in seiner ersten Arbeit am Haus im März 2018 kurz nach dem Einzug der AfD in den Bundestag.

Einige Schritte weiter begegnen wir Dominic Hartmann: als atemloser queerer Drag-Performer in High Heels und Mini-Rock hetzt er japsend als personifizierter Ausnahmezustand durch die enge Box, die Oliver Frljićs Stamm-Bühnenbildner Igor Pauška gebaut hat, und schleudert uns Buzzwords der politischen Debatte rund um die Assoziationsfelder Ausnahmezustand und politische Macht entgegen: von den Schüssen auf Kronprinz Franz Ferdinand, die zum Auslöser für den 1. Weltkrieg wurden, über Guantánamo bis zum heutigen Genfer Gipfel von Joe Biden und Wladimir Putin spannt sich der Bogen.

Auf den nächsten der insgesamt sechs Stationen kreist der Theater-Parcous-Abend „Alles unter Kontrolle“ aber weniger um Weltpolitik als um die Selbstreflexion des Theaterbetriebs. Er macht somit genau dort weiter, wo Ersan Mondtag und Benny Claessens an selber Stelle in „It´s going to get worse“ aufgehört haben.

Mit vielen kleinen Meta-Gags und Anspielungen gespickt werden die Fragen von Identitätspolitik, Alltagsrassismus und Repräsentation in zehnminütigen Miniaturen durchgespielt. Dies sind manchmal kleine Sketche wie Lea Draegers Kindheitserinnerung „Schaumküsse“: voller Hingabe zermatscht sie die Leckereien, die in ihrer Kindheit unter einem heute als rassistisch und verletzend gebrandmarkten Begriff bekannt waren, zwischen zwei Pappbrötchen-Deckel, verteilt sie ans Publikum und beschmiert sich das Gesicht in einer „Blackfacing“-Parodie mit der weißen Schaum-Creme.

Um biographische Erfahrungen der palästinensischen Schauspielerin Maryam Abu Khaeled geht es in der Szene „Hölle der Repräsentation“. Die „Theaterpolizei“ in Person von Emre Aksızoğlu verhört sie zu ihrem Engagement am Freedom Theatre in Dschenin/Palästina, das sie auch in „Art/Violence“ (Berlinale Panorama 2013) dokumentiert hat. Während des Verhörs verschieben sich die Rollen, plötzlich ist sie die Polizistin und er die Schauspielerin. Wer spielt wen? Wer darf wen spielen? Diese Frage bestimmt auch den Sketch „Zombies“: Kenda Hmeidan und Hanh Mai Thi Tran sind ebenfalls in eine Box eingepfercht und durch Isolierfolie vom Publikum abgetrennt. Sie tigern durch den Raum, fixieren die Zuschauer*innen und berichten über ein Zombie-Film-Projekt, eine Hommage an die Genre-Klassiker von George A. Romero, und beklagen den Pay-Gap an den Theatern. Die kolumbianische Regie-Assistentin Laura Jiménez González und die Spielerinnen verdienen nur einen Bruchteil der Gage des vielbeschäftigten kroatischen Regie-Stars Frljić.

Noch eine Schraube weiter dreht sich die Meta-Erzählung auf den letzten beiden Stationen: während Mehmet Yilmaz analytische Kekse backt, können wir uns selbst in Videos dabei betrachten, wie wir Dominic Hartmann zu Beginn des Abends zuschauten. Ganz zum Schluss werden wir in den Rang geführt und beobachten dort die nächsten Gruppen, wie sie Lea Draeger beobachten.

Der Erkenntnisgewinn dieses um sich selbst kreisenden Parcours durch das Gorki Theater bleibt jedoch überschaubar.

Vorschaubild mit Hanh Mai Thi Tran: Esra Rotthoff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.