Dragón

Diese 90minütige Arbeit, die Guillermo Calderónn und seine drei Spieler*innen gestern live aus dem leeren Teatro de Mil im Lockdown von Santiago de Chile ins mehr als 12.000 km entfernte Düsseldorfer Schauspielhaus streamten, ist eine typische Festival-Koproduktion: sehr fordernd, hochkomplex, voller Anspielungen auf Theatertheorie und lateinamerikanische Zeitgeschichte. Wer sich in beiden Feldern nicht perfekt auskennt, hat einige Mühe, die in den schnellen Dialogen hingeworfenen Namen von Augusto Boal und seinem „Unsichtbaren Theater“ oder von Walter Rodney, einem panafrikanischen Historiker und Politiker, der bei einem Attentat ermordet wurde, zu googeln.

Eine weitere Hürde, die Guillermo Calderón aufbaut, ist die Selbstironie, mit der er und sein Team dem Kunstbetrieb und dem üblicherweise von der Mittelschicht dominierten Publikum den Spiegel vorhalten und sich über sich selbst lustig machen. Zahlreiche Volten schlägt das kleine Kunstbetriebs-Metaebenen-Kammerspiel, die hier nicht weiter nacherzählt werden sollen. Es sei nur so viel verraten, dass auch Calderón die Fragen beschäftigen, die Ersan Mondtag in „It´s going to get worse“ und Oliver Frljić in „Alles unter Kontrolle“ in ihrer Doppel-Premiere am Berliner Gorki Theater verhandeln: Was ist politisches Theater? Was kann und soll es leisten? Wie gehen Künstler*innen mit der Krise um, dass sie mit ihrer Kunst nur eine kleine Blase erreichen und der weltverändernde Anspruch scheitert? Wer darf wen spielen? Sind Minderheiten, sozial Benachteiiligte, Schwarze ausreichend repräsentiert? Und wenn Theater von ihnen erzählen: Bekommen die Minderheiten ihren eigenen Raum? Dürfen sie mit eigener Stimme sprechen? Oder werden sie von bourgeois-selbstgefälligen Performer*innen instrumentalisiert?

Um all diese großen Fragen, um die die Theaterblase vor allem in den vergangenen Lockdown-Monaten kreiste, geht es auch in „Dragón“, gespickt mit Anspielungen auf die aktuelle Lage in Chile, die sich, wie Festival-Programmchef Stefan Schmidtke im Nachgespräch erklärte, kurz nach der Uraufführung vom Juni 2019 massiv zuspitzte. Eine reaktionäre Wende mit faschistoiden Zügen, wie sie Chiles Nachbarland Brasilien unter Jair Bolsonaro erleidet, wird in den pointierten Dialogen des Caféhaus-Trios Luis Cerda, Camila González und Francisca Lewin immer wieder an die Wand gemalt. Sofort springen die Dialoge aber weiter zu den Befindlichkeiten innerhalb der Künstler*innen-Blase mit all ihren Eitelkeiten und ihrer Paranoia. Die schillerndste Rolle hat Francisca Lewin als scheinbar naives Groupie, das sich seit Jahren in der Kunstszene hochschläft und nun mit zwei Idolen auf Sinnsuche zusammenarbeiten darf.

Freude an dieser Festival-Koproduktion werden vor allem Theater-Insider haben, die all den komplexen Verästelungen nachspüren und über die aufgeworfenen Fragen weiter diskutieren möchten. Für ein breites Publikum ohne lateinamerikanischen Bezug und Theaterwissenschafts-Studium verliert dieser Abend wohl schnell seinen Reiz.

Bild: Melanie Zanin

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