Tartuffe oder Das Schwein der Weisen

Die Theatertreffen-Jurys leisteten sich in den vergangenen Jahren viele Fehlgriffe. In besonders schlechter Erinnerung ist Claudia Bauers Basler „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“, die 2019 bemerkenswert banal war. Sehr albern und zäh schleppten sich die Kalauer und Loops aus PeterLichts Molière-Überschreibung dahin. Als breitgewaltzte Farce ohne Tempo funktionierte der Text überhaupt nicht.

Dementsprechend groß war meine Skepsis, als das Deutsche Theater Berlin im Mai verkündete, sich als erstes Haus aus dem Lockdown zu wagen und ausgerechnet mit diesem Stück eine Open Air-Reihe zu eröffnen. Bei der Premiere froren die Gäste noch in Wind und Nieselregen, während parallel im Haus Sebastian Hartmanns „Zauberberg“-Live-Stream-Film seine Theatertreffen-Einladung vor leerem Auditorium feierte.

Die Temperaturen stiegen von Bibberkälte auf tropische Hitze und pendelten sich für den gestrigen Abend in einem angenehmen Mittelwert ein. Deshalb wollte ich mir ein eigenes Bild machen, wie PeterLichts Text als Sommertheater funktioniert und wurde positiv überrascht.

„Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ ist eine unterhaltsame Komödie, die aus dem flachen Text das Beste herausholt. Einen wesentlichen Schlüssel zum Erfolg hat André Mumot in seiner Fazit-Radio-Kritik benannt: wir erleben hier keine Karikaturen und Schießbudenfiguren, sondern sympathisches Komödien-Personal. Regisseur Jan Bosse präsentiert die Molière-Version mit Witz und wahrt die Balance. Er drückt nicht zu sehr auf die Tube und meidet den Klamauk. Die endlos ermüdenden „Geil/Ungeil“-Wortschleifen aus der Vorlage haben Dramaturg David Heiligers und Bosse auf ein vernünftiges Maß zurechtgestutzt.

Dass der Abend funktioniert, ist aber natürlich vor allem dem tollen Komödiant*innen-Ensemble zu verdanken: in den Hauptrollen glänzen Božidar Kocevski als grunzender, sexsüchtiger Schamane in einer Rolle, die ihm wie auf den Leib geschrieben scheint, Regine Zimmermann als Großmuttter/Herr Frau Pernelle auf Kinderfahrrad und Natali Seelig als Gattin Elmire im Kontextualisierungs-Rumba-Slapstik mit Tüffi.

Božidar Kocevski

Gut besetzt sind auch Felix Goeser als Orgon, der Patriarch der Familie, der den Überblick verloren hat und nur als Spielball herumgeschubst wird, und Linn Reusse, die als Zimmermädchen Dorine gegen ihren gewohnten Rollen-Typus ernsterer Auftritte besetzt ist. Die beiden Ensemble-Neuzugänge Tamar Tahan (HfS Ernst Busch) und Kotbong Yang (UdK) fügen sich frisch von der Schauspiel-Schule gut ein und runden den Abend gemeinsam mit Moritz Grove ab, der bis 2017 am DT engagiert war und in der Rolle des Cléante erstmals wieder in einer Produktion gastiert.

Die Sommerkomödie lebt von witzigen Einfällen: Bosses Stamm-Bühnenbildner Stéphane Laimé hat die Fassade des Deutschen Theater Berlin zum Innenhof verlängert. Vom Orgon-Clan wird sie ziemlich ramponiert, während sich Tüffi das Treiben gelassen vom Dach oder Hof-Fenster aus ansieht und erst nach der Hälfte seinen grunzenden Auftritt hat. Zu Carolina Bigges Live-Musik performt das Ensemble tolle Songs und steigt auf Tüffis Anweisung zum Workshop in enge Ganzkörper-Overalls, die Kathrin Plath entworfen hat.

Ensemble in Kathrin Plaths Kostümen

Von den drei Sommer-Open Air-Komödien ist „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ die gelungenste. Sie wird auf dem Vorplatz auch am repräsentativsten Ort gezeigt, während „Gaia googelt nicht“ und „When there´s nothing left…“ im Innenhof laufen.

Bilder: Arno Declair

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