Die Mutter

Als „Anleitung für eine Revolution“ nach Bertolt Brecht bezeichnet Regisseurin Christina Tscharyiski ihre Inszenierung des Lehrstücks „Die Mutter“ im Neuen Haus der traditionsreichen Brecht-Bühne am Schiffbauerdamm.

Trotz einiger unkonventioneller Besetzungs-Gimmicks wie der österreichischen Schauspielerin Sophie Stockinger als Sohn Pawel oder Drag-Queen Jade Pearl Baker, die anschließend gleich ans BKA Theater am Mehringdamm zu ihrer monatlichen „Badeperlen“-Show musste und dem Berliner Publikum auch aus „ugly duckling“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin bekannt ist, blieb Tscharyiski nah an der Vorlage.

Hier und da schob sie aktuelle Texte aus der postmarxistischen Theorie über Ausbeutung in der digitalen Uber- und Deliveroo-Ökonomie oder Queerfeminismus im Neoliberalismus ein. Peter Moltzen darf in einem längeren Impro-Solo in der zweiten Hälfte in ein Ketchup-Tuben-Kostüm schlüpfen und viel Quatsch machen, der mit dem Rest des Abends kaum etwas zu tun hat. Und auch die dreiköpfige Live-Band um Manuel Poppe bekam einige Freiheiten, die Musik von Hanns Eisler etwas poppiger zu arrangieren als sie aus dem Original bekannt ist. Auch die erwähnte Drag Queen fügt sich auf High Heels recht homogen in das Ensemble ein.

vorne v.l. Constanze Becker, Manuel Poppe, Peter Moltzen

Im Kern bekommt das Publikum deshalb an diesem Abend, der anders als angekündigt etwas länger als zwei Stunden dauerte, dann doch den guten alten Brecht und seine Fabel von der Proletarierin Pelagea Wlassowa geboten, die unter dem Druck der Verhältnisse zur überzeugten Revolutionärin wird. Die Hauptrolle übernimmt über weite Strecken des Abends mit Constanze Becker eines der Aushängeschilder des Berliner Ensembles. Erst in den letzten Szenen schlüpft ihre ältere Kollegin Josefin Platt, die bis dahin kleinere Auftritte als Kommissar und Lehrer hatte, in die Titelrolle. Dieser plötzliche Wechsel wirkt etwas unmotiviert.

An die legendäre Schaubühnen-Inszenierung von Peter Stein mit Therese Giehse reicht diese neue „Mutter“-Inszenierung natürlich nicht heran. Aber der Versuch, den Brecht-Text auf der Nebenbühne seines Stammhauses etwas lockerer und in sanft aktualisierter Fassung zu präsentieren, bekam am Premieren-Abend durchaus freundlichen Applaus.

Bilder: JR/Berliner Ensemble

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