Ödipus

Nur drei Wochen nach Ulrich Rasches Sprech-Oratorium am Deutschen Theater Berlin, das auf Friedrich Hölderlin basiert, hatte wenige Kilometer weiter westlich an der Schaubühne Maja Zades „Ödipus“-Nachdichtung Premiere. Die langjährige Schaubühnen-Dramaturgin Maja Zade hat im Auftrag des koproduzierenden Epidauros Festivals eine Neufassung geschrieben, die sich bemüht, die Atriden-Sage vom göttlichen Fluch auf einer Familie in die heutige Zeit zu übersetzen.

Sie verlegt den Stoff in die Ferienvilla einer reichen Unternehmer-Familie: Christina (Caroline Peters) möchte mit ihrem neuen Toyboy Michael (Renato Schuch) ausspannen. Ihr Bruder Robert (Christian Tschirner) macht ihr jedoch streitig, wer nach dem Unfall-Tod von Christinas Mann das Sagen hat. Im Stil einer TV-Soap plätschern die Dialoge dahin. Zum x.-ten Mal hat Jan Pappelbaum eine schicke Designer-Küche in seinem unverkennbaren Stil gebaut, die von Beginn in bedeutungsschweres Schwarz getaucht ist. Retro-Look und Selbstzitate sind zu Beginn dieser Spielzeit offensichtlich nicht nur an der Volksbühne angesagt.

Zade hält sich an die Grundstruktur des „Ödipus“-Mythos, wonach der ausgesetzte Sohn zu spät erkennt, dass er seinen Vater getötet und mit seiner Mutter geschlafen hat. Sie nimmt sich aber zusätzlich einige Motive aus Henrik Ibsens „Der Volksfeind“: die erste Stunde dreht sich um ein Gutachten, mit dem geklärt werden soll, ob Christinas Chemie-Fabrik an steigenden Krebs-Erkrankungen in der niedersächsischen Tiefebene schuld ist.

Ohne den Einfluss göttlicher Mächte und des Schicksals wirkt die Familien-Soap der Unternehmer-Dynastie, die durch eine Kette unglücklicher Umstände in eine Krise stürzt, sehr banal. Ebenso treffend wie böse fühlte sich André Mumot in seinem DLF-Fazit-Gespräch unmmittelbar nach der Premiere mehr an den Fernsehfilm der Woche oder Uschi Glas in der Serie „Anna-Maria – Eine Frau geht ihren Weg erinnert“ als an die Fallhöhe einer antiken Tragödie.

Renato Schuch und Caroline Peters in „Ödipus“

Auch Schaubühnen-Neuzugang Caroline Peters, die sich nach „Yerma“ durch die zweite Soap mühen muss, und Renato Schuch als ihr Lover können den Abend nicht retten. Bedauernswert ist vor allem Schuch: die letzte halbe Stunde, in der das Ausmaß der inzestuösen Verstrickungen sichtbar wird, muss sich der Schauspieler in nervtötender Begriffstutzigkeit abquälen, bis ihm tröpfchenweise die Wahrheit dämmert. Während auch dem letzten Besucher, der halbwegs in Theatergeschichte und griechischer Mythologie längst klar ist, worauf die Soap hinauslaufen wird, muss Schuch das Offensichtliche noch weiter breittreten. Der regieführende Intendant Thomas Ostermeier verpasste die Chance, den Schluss dieser Antiken-Neufassung deutlich zu straffen.

Maja Zade, die bei ihrem Debüt als Autorin mit „status quo“ ihr Talent unter Beweis gestellt hat, enttäuscht wie in „Abgrund“ bei ihrem dritten Abend an der Schaubühne mit einem zu klischeehaften Kammerspiel.

Bilder: Gianmarco Bresadola

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