Eurotrash

Auf die Shortlist-Romane des Deutschen Buchpreises stürzen sich die Theater: die Gier nach neuen Stoffen ist groß. Nur selten eignen sich diese belletristischen Werke für Bühnen-Adaptionen. Auch Christian Krachts autofiktionaler „Eurotrash“ ist ein solcher Fall. Die 200 Seiten sind ganz nettes Lesevergnügen: hier und da eine scharfe Beobachtung und eine gelungene Formulierung. Einen echten Sog entwickelt der Parlando-Ton dieser tragikomischen Roadmovie-Farce über eine zutiefst neurotische Mutter-Sohn-Beziehung an Zürichs Goldküste nicht. „Eurotrash“ ist einer dieser Romane mit Stellen zum Schmunzeln, ohne aber nachzuhallen.

Um diesen Stoff erfolgreich auf die Bühne zu bringen, müsste sich ein künstlerisches Team schon einiges einfallen lassen. Die langen Monologe und Assoziationen des Buchs sind oft redundant, Schauspielerfutter findet sich nur in Spurenelementen. Regisseur Jan Bosse hat bei seinem Schaubühnen-Debüt eine denkbar schwere Aufgabe. Aber er bleibt noch hinter den Erwartungen zurück. In den ersten Minuten kommt der Abend nicht in die Spur. Joachim Meyerhoff spielt Krachts Alter ego genauso schlurfend und unterspannt wie bei seinem letzten Auftritt als „Vernon Subutex“.

Aber auch im Zusammenspiel mit der großen Angela Winkler, die Krachts exzentrische, in die Demenz versinkende Mutter spielt, entwickelt sich nichts. Der Abend versucht erfolglos, sich in faden Rollator-Slapstick zu retten. Den subtileren Ton der Vorlage trifft die Bühnenfassung zu selten. Wesentliche Motive fallen in der Strichfassung ganz weg. Das gesamte Gesellschaftspanorama und Promi-Name-Dropping aus dem Roman ist verschwunden. übrig bleibt das Skelett der neurotischen Mutter-Sohn-Beziehung, das ohne den Kontext der Nazi-Vergangenheit der Familie und der Jet-Set-Bubble, in der Kracht aufgewachsen ist, zu sehr in der Luft hängt. Die beiden Schauspielstars spulen braves Textmassen-Aufsagetheater ab. Meyerhoff spielt vor allem Meyerhoff, die enormen Textmassen, die er runterattert, sind reine Fleißarbeit, ohne zu berühren, Winkler hat immerhin ein paar Momente leiser Verzweiflung, in denen sie Akzente setzen könnte. Das wären Ansatzpunkte für eine ernsthaftere Arbeit an diesem Roman-Text gewesen, die aber weder Regisseur Bosse noch Hauptdarsteller Meyerhoff im Sinn haben. Für eine Einladung zum Theatertreffen wie zuletzt 2018 mit ihrer Adaption von „Die Welt im Rücken“ des Wiener Akademietheaters dürfte es diesmal kaum reichen.

Die „Eurotrash“-Adaption entfaltet so wenig Glanz wie die Beton-Rückwand von Stéphane Laimés Bühnenbild, das zunächst völlig leer ist. Erst im Lauf des Abends taucht – statt des Taxis aus dem Roman – ein Segelboot aus dem Bühnenboden auf: die beiden Theaterstars turnen darauf hin und wieder herum, doch der Segeltörn leidet unter einer Flaute. Fast 2,5 Stunden schleppt sich Abend dahin, ohne dass klar wird, was die Schaubühne und den Regisseur an dem Roman-Stoff interessierte.

Bild: Fabian Schellhorn

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