Brüste und Eier

Im Original heißt Mieko Kawakamkis Roman-Wälzer, der in Japan 2019 erschien, „Natsumonogatari“. Mit „Sommermärchen“ könnte man diesen Titel näherungsweise übersetzen. Aber auf dem internationalen Buchmarkt wurde der Roman unter einem weniger poetischen, viel plakativeren Titel verkauft: die New York Times bejubelte „Breasts and Eggs“ als ein Highlight der Saison und auch in den deutschen Feuilletons wurde „Brüste und Eier“ im Sommer 2020 recht gut besprochen.

Brüste und Eier bekommt das Publikum, das dann doch zahlreicher zur Thalia-Premiere in Hamburg strömte, als Regisseur Christopher Rüping befürchtet hatte, dann auch tatsächlich zu sehen. Oda Thormeyer zieht ihr Shirt hoch und spricht ausführlich über das eine zentrale Thema des Abends, das Schönheitsdiktat, das uns von Influencern und in der Werbung vorgelebt wird und manche Frauen wie Makiko, die als Hostess oder Edel-Sexworkerin arbeitet, dazu treibt, sich einer Schönheits-OP zu unterziehen.

Der zweite wichtige Strang ist die Frage nach der Mutterschaft: als das Saallicht noch an ist, bittet Maike Knirsch im Plauderton, alle im Publikum aufzuzeigen, die Kinder haben oder sich welche wünschen. Im Roman quälen sich Natsuko und ihre ältere Schwester, die bereits erwähnte Makiko, mit dieser Entscheidung. „Warum bringt man einen neuen Körper auf die Welt, wenn einem der eigene schon zu schaffen macht?“, lautet ein zentraler Satz des Romans. Natsuko, eine dreißigjährige Schriftstellerin stellt sich typische Fragen ihrer Generation: Kann man in diese Welt Kinder setzen? Mit welchem Partner? Ganz am Ende des dicken, zweiteiligen Romans bzw. mit dreieinhalb Stunden überlangen Theaterabends meldet sich Knirsch an der Rampe zurück: in einem leisen Schlussmonolog schildert sie die Geburt ihres Kindes, um das sie solange rang. Ihre Schwester Makiko hat bereits eine Tochter und bereut das, Midoriko ist mitten in der pubertären Trotzphase und kommuniziert nur noch schriftlich mit ihr. Hans Löw und Julian Greis schlüpfen in die beiden Frauenrollen und zerdeppern in einer Slapstick-Szene rohe Eier auf dem Kopf des Gegenübers.

Bis zur Pause erleben wir einen Abend, der mit den typischen Problemen einer Roman-Adaption zu kämpfen hat. Statt des vom Regisseur im DLF versprochenen saftigen Spiels bietet er über weite Strecken eine Roman-Nacherzählung. Immerhin wird diese nicht frontal ins Publikum gesprochen, sondern im Stil des japanischen Bunraku-Puppenspiels inszeniert. Hans Löw, der bei Rüpings „Paradies“-Trilogie kurzfristig ausfiel und nun sein Comeback am Thalia gibt, ist hinter seiner Maske sichtlich unterfordert, während Kolleg*innen aus dem Ensemble den Text von der Seitenlinie einsprechen.

Rüping berichtet im Programmheft, dass er zufällig in einem Gespräch zwischen Alexander Kluge und Heiner Müller auf diese Art des ostasiatischen Theaters aufmerksam wurde. Der Mix aus stummem Spiel und eingesprochenem Text ist aber auch im deutschen Theaterbetrieb nicht neu, gerade versuchte Claudia Bauer in ihrer Jandl-Körperkomik-Revue „humanistää“ am Wiener Volkstheater Ähnliches.

Aufgelockert durch postdramatische Spielereien plätschert die erste Hälfte dahin und als Pausen-Fazit bleibt die Frage festzuhalten, die auch tt-Jurorin Katrin Ullmann in ihrem Deutschlandfunk-Radiogespräch aufwarf: Was an diesem Text so aufregend sein soll, vermittelte sich bisher nicht. Außerdem vermisste die Kritikerin einen klaren Fokus und eine Haltung der Regie zum Stoff.

Viel klarer werden die Konturen auch nach der Pause nicht, aber der Abend wird immerhin unterhaltsamer. Zum ersten Mal Vollgas und Szenenapplaus gibt es bei der Gruppen-Choreographie zum ABBA-Ohrwurm Lay your love on me, zu der Nils Kahnwald die „Luschen“ im Team mehrfach anspornt. Noch mehr Fahrt nimmt der Abend auf, als der Gast aus Zürich zu einem seiner berüchtigten Soli zwischen Genie und Wahnsinn ansetzt. Er schlüpft in die Rolle eines mansplainenden Samenspenders, der voller Selbstgewissheit all die Vorzüge seines Samens detailliert schildert und für die künstliche Befruchtung anpreist. Natürlich lässt er es sich auch nicht nehmen, seine wohlgeformten Schauspieler des Jahres-Eier zu präsentieren und damit den zweiten Teil des Versprechens aus dem Stück-Titel einzulösen.

Rüping schildert seine Lektüre-Erfahrung, dass der zweite Teil essayistisch zerfasert, und auch die Bühnen-Adaption hat damit zu kämpfen, dass der Abend zwar vom Publikum dankbar beklatschte Unterhaltung bietet, aber dramaturgisch viele Fragen offen bleiben, worauf die Inszenierung jenseits von ein paar Denkanstößen eigentlich hinauswill.

Bilder: Krafft Angerer

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