Noise – Das Rauschen der Menge

Laut und drastisch erzählte „Oasis de La Impunidad“ von den sozialen Protesten in Chile 2019 und von der Brutalität, mit der die Staatsorgane die Unruhen niederschlugen. Wütend und voller Energie schrien Marco Layera und sein Teatro La Resentida, seit Jahren Stammgäste beim FIND-Festival der Schaubühne, ihre Gegenwehr heraus. Dem Publikum wurde im April auf der engen Studiobühne einiges zugemutet: staccatoartig abgefeuerte Anspielungen auf Zombie- und Horrorfilme sowie die Popkultur, zum Schluss wurde sogar eine nackte Performerin stellvertretend für die vielen Verletzten und Toten mitten im Publikum abgelegt.

Knapp zwei Monate später und wenige hundert Meter weiter gastiert nun ein weiteres Gastspiel in Berlin, das sich mit der brutalen Niederschlagung der Unruhen auseinandersetzt und „Noise“, also „Lärm“, schon im Titel trägt. Doch dieser 90 Minuten kurze Abend vom Schauspielhaus Bochum kommt ganz anders daher: „Noise“ meint hier eher das an- und abschwellende Rauschen, eine Unruhe und ein Rumoren.

Hinter Vorhängen wird Gina Haller, Solo-Performerin des Abends und preigekrönter Jungstar des Bochumer Ensembles, erst langsam sichtbar. Sie kriecht zunächst am Boden und spricht die ersten Sätze des mäandernden, oft poetischen Textes: oft kann man sich nicht sicher sein, wer hier spricht. Haller wechselt die Rollen, durch Echos wird es noch schwerer, allen Nuancen des Langgedichts zu folgen.

„Noise. Das Rauschen der Menge“ ist ein Abend, der seinem Publikum einiges an Konzentration abverlangt. Die Rahmenbedingungen sind dafür nicht die besten: die Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele ist schon unter normalen Bedingungen sehr stickig, erst recht an diesem gestrigen schwülheißen, dampfigen ersten Hochsommertag des Jahres und bei einer bis auf den letzten Platz ausverkauften Vorstellung. Hier wurde „Noise“ im Rahmen des Theatertreffens 2022 gezeigt, da Manuela Infante im präpandemischen Sommer 2019 den Stückemarkt-Werkauftrag gewann, so dass sie den Abend am Schauspielhaus Bochum entwickeln und im Juli 2021 uraufführen durfte.

Im Abspann wird der Kontext des Stücks an die Rückwand projiziert, bis dahin ist für nicht vorbereitete Zuschauer*innen oft nur zu erahnen, worum es Autorin und Regisseurin Manuela Infante und ihrer Solo-Spielerin geht: wiederkehrende Motive sind ein Hund, dem auch die Ich-Erzählerin ihre Rettung verdankt und in dessen Rolle Gina Haller natürlich zwischen all den anderen Figuren auch schlüpft, und das Tränengas, das die der Demonstrant*innen reizte.

Bild: © Nicole Marianna Wytyczak

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