Sich waffnend gegen eine See von Plagen

Einen recht langen Anlauf braucht das ukrainisch-deutsche Projekt „Sich waffnend gegen eine See von Plagen“, das im Globe der Schaubühne ein „Hamlet“-Zitat aufgreift, während nebenan Lars Eidinger wieder mal seine Show vom in den Wahnsinn driftenden Dänenprinzen abzieht.

Hier auf der kleinen Bühne stellen sich die beiden Gäste erst mal dem Berliner Publikum vor: Dmytro Okiink und der einige Jahrzehnte ältere Oleh Stefan, die mit Regisseur Stas Zhyrkov und Dramaturg Pavlo Arie vom Left Bank Theatre Kiew an den Kurfürstendamm kamen, geben einen launigen Abriss ihrer Biografien, inklusive an die Rückwand projizierter Kinder- und Hochzeitsfotos.

Die Monologe der ersten drei Viertel des Abends sind geprägt von Langatmigkeit und künstlerisch so karg, dass dagegen selbst die faktenreichen Dokumentartheater-Abende von Hans-Werner Kroesinger opulent wirken. Erst im Lauf des Abends wird das Frontal-Theater mit seinen langen Infoblöcken wird häufiger durch kleine Clowns- und Slapstick-Einlagen unterbrochen.

Doch dieser „Comic Relief“ kommt ohne das notwendige dramaturgische Gespür (Pavlo Arie/Maja Zade) oft im völlig unpassenden Moment. Ein Beispiel: Nach der autobiographischen Vorstellung kommen Kollegen zu Wort, entweder in eingespielten Schnipseln oder nachgesprochenen Statements. Diesen Kollegen aus der Kiewer Theaterszene ist gemeinsam, dass sie sich im Spätwinter 2022 anders entschieden als das ukrainische Quartett. Sie gingen an die Front und berichten von ihren Erfahrungen der vergangenen Monate. Inszenierungs-Fotos, wo sie gemeinsam mit den Akteuren des Abends zu sehen sind, werden zwischen ihre Berichte geschnitten.

Eine besondere Bühnenpräsenz ist auf den Fotos von Wowa Kovbel zu spüren. Sein kurzer Part wird mit der lakonischen Einblendung abgebunden, dass er seit zwei Monaten verschollen sei. Eine bedrückende Vorstellung, dass wir diesen Schauspieler wohl nie mehr live auf einer Bühne erleben werden. Doch diesen Moment macht die Produktion dadurch kaputt, dass sofort weiter geplappert und gewitzelt wird. In der albernsten Sequenz des Abends scherzen die drei Spieler (neben Okiink und Stefan ist Holger Bülow aus dem Schaubühnen-Ensemble dabei) über die Kampfausrüstung der Armee und probieren Unterwäsche an.

Ebenso bruchlos wird auch ein kurzes Audio eingespielt. Angeblich handelt es sich um einen Mitschnitt des ukrainischen Geheimdienstes, nähere Quellenangaben werden nicht gemacht. Aber gerade in Zeiten des Krieges gilt es, besonders vorsichtig zu sein, um Propaganda nicht auf den Leim zu gehen. Handelt es sich bei den Ausschnitten, die vor Menschenverachtung und Zynismus nur so triefen, wirklich um Original-Dokumente russischer Soldaten, die in Telefonaten mit ihren Frauen über Vergewaltigungen und Kriegsverbrechen scherzen?

Interessant wird der Abend, der seinen Werkstattcharakter demonstrativ ausstellt, erst im letzten Viertel. Bis dahin erleben wir Frontal-Theater der drei Männer, die vor einem langen Schneidetisch stehen, auf dem sich Filmrollen stapeln, die für Einspieler genutzt werden. Erst als es schon fast zu spät ist, macht „Sich waffnend gegen eine See voll Plagen“ einen inhaltlichen und dramaturgischen Quantensprung. Das mit Abstand stärkste Material, Tagebuchaufzeichnungen des Co-Dramaturgen Pavlo Arie aus den ersten Wochen nach Putins Angriffskrieg auf Kiew, kommt nun zum Einsatz. Holger Bülow sagt diesen Text nicht nur auf, sondern performt ihn und arbeitet die Nuancen und Zweifel heraus. In diesen Schluss-Passagen erleben wir die Eindrücke eines Künstlers, der sich quasi über Nacht mitten in einer militarisierten Gesellschaft im Kriegszustand wiederfindet und mit einer Mischung aus Entsetzen und subtilem Humor darauf reagiert.

Das Projekt von Schaubühne und Left Bank Theatre, die auch mit „Bad Roads“ schon zu „Radar Ost“ am DT Berlin eingeladen waren, wurde unter hohem Zeitdruck zum Saisonstart aus dem Boden gestampft, um ein Zeichen zu setzen. Künstlerisch wirken die ersten drei Viertel nicht überzeugend. Aber dieses letzte Viertel weist einen vielversprechenden Weg. Wenn hier noch weiter gebohrt und in Ruhe gearbeitet wird, könnte aus dieser Werkstatt-Fingerübung im zweiten Anlauf eine spannende Theater-Inszenierung entstehen.

Bild: Gianmarco Bresadola

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