Platonow

Ein gelungener Regie-Einfall sind die Masken, hinter denen die DT-Ensemble-Spieler*innen und die beiden Gäste der koproduzierenden Luxemburger Bühne (Birgit Urhausen und Max Thommes) fast bis zur Unkenntlichkeit verschwinden. Timofej Kuljabin verlegt Tschechows fast noch pubertären Erstling „Platonow“, der erst nach seinem Tod erschien, in eine russische Senioren-WG ehemaliger Künstler*innen. Vor allem die jüngeren Spieler*innen wie Enno Trebs und Linn Reusse sind so geschickt auf alt getrimmt, dass sie erst auf den zweiten Blick und vor allem an ihren Stimmen zu erkennen sind.

Doch leider war das bereits alles, was an dem Abend zu loben ist. Das größte Manko bleibt, dass Kuljabin und Roman Dolzhanskij (neben John von Düffel Dramaturg des Abends) für ihre gekürzte Fassung von Tschechows ausuferndem Frühwerk keine überzeugende Idee entwickeln. Vor allem die ersten knapp 75 Minuten sind eine Zumutung: die Dialoge der Spieler*innen klingen hohl. Dieser komödiantischere Teil des Abends entlockt einige Lacher im Publikum, wenn die abgehalfterten Diven um die Gunst des Platonow (Alexander Khuon) buhlen, aber schleppt sich allzu zäh der ersehnten Pause entgegen.

Manuel Harder, Enno Trebs, Katrin Wichmann

Der zweite Teil ist als Tragödie angelegt. Nacheinander kommen die Damen (gespielt von Linn Reusse, Birgit Unterweger, Brigitte Urhausen und Katrin Wichmann) und Nebenbuhler (Manuel Harder, Max Thommes, Enno Trebs) in Platonows Bibliothek, zu keinem Moment gelingt es aber den Spieler*innen oder der Textfassung überzeugend klar zu machen, was an dem narzisstischen Typen, der einige Gemeinheiten raushaut, so begehrenswert und aufregend sein soll, dass ihm die Frauen reihenweise verfallen.

Wenn sich unter theatralischem Bühnendonner endlich tiefes Schwarz über den Untergang dieser Alten-WG legt, wirkt dies so aufgesetzt wie vieles andere an diesem Abend. Timofej Kuljabin wurde mit seinen Inszenierungen in Nowosibirsk und Moskau im vergangenen Jahrzehnt neben Kirill Serebrennikow zu einem der aufregenden Exportschlager des russischen Theaters und lebt wie dieser mittlerweile im Exil. Seine „Platonow“-Fassung bleibt aber so dünn wie die Buzzwords im Programmheft-Interview zu Liebe und Vergänglichkeit. Nach seiner immerhin ganz unterhaltsamen Edelboulevard-Fassung von August Strindbergs „Fräulein Julie“, die zu Beginn der vergangenen Spielzeit nach anderthalb Jahren Corona-Hängepartie zur Premiere kam, ist sein „Platonow“ ein Flop, der durch penetranten Zigarettenqualm noch ärgerlicher wird.

Bilder: Arno Declair

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