Männerphantasien

Diesen 1.300 Seiten dicken Wälzer von Klaus Theweleit haben wohl die wenigsten im Publikum gelesen. Als Referenzpunkt und Schlagwort geistern die „Männerphantasien“ seit den 1970er Jahren durch die kulturwissenschaftlichen, soziologischen und Gender Studies-Diskurse.

Theresa Thomasberger und ihr Team nehmen das Buch als Hintergrundfolie für eine 90 Minuten kurze Auseinandersetzung mit dem wichtigen Thema toxischer Männlichkeit. Von Theweleit bleiben aber nur ein paar Schnipsel, z.B. seine Beobachtungen zum Körperpanzer und zu den Schwarz-Weiß-Goldenen Farben der Reichsflagge, die das vom Gorki Theater herübergewechselte neue Ensemble-Mitglied Svenja Liesau in ihrer gewohnt schnoddrigen Art mit ihren Faxen unterlegt, während sie ein paar Würstchen grillt.

Symptomatisch ist diese Szene kurz vor Schluss für einen Abend, der zu seinem spannenden Thema wenig Neues zu sagen hat. Die Chor-Szenen der Bros kommen kaum über Karikaturen hinaus, Liesau ist mit aufgepolsterter Wampe am stärksten verfremdet, Caner Sunar brüllt sich in die Rolle des Kickboxers und Coachs Andrew Tate hinein. Enttäuschend ist, dass auch die drei Auftragswerke der Autorinnen Svenja Viola Bungarten, Ivana Sokola und Gerhild Steinbuch nur neue Facetten, aber nicht mehr Tiefenschärfe verleihen.

Steinbuch versetzt sich in die Rolle der Mutter eines Vergewaltigers, den sie im embryonalen Stadium am liebsten ausgeschabt hätte, wie Abak Safaei-Rad resümiert, die ebenfalls vom Gorki ans DT wechselte. Daria von Loewenich flirtet als Influencerin, die von der Feministin zur ideologisch stramm rechten Hausfrau und Mutter wurde, in Bungartens Part mit dem Publikum. Sokolas Passage über Männerbünde zwischen Gesangs- und Anglerverein sprechen alle Bros im Chor.

Die Szenen und Fragmente werden von kurzen Auftritten des Countertenors Steve Katona unterbrochen, der als androgyner „Engel der Geschichte“ tiefpessimistische Kommentare über das männliche Geschlecht abgibt und schön singt. Als sich Liesau mit dem Schlussgag verabschiedet, dass sie noch Senf zu den Grillwürstchen aus dem Auto holen will, passt dies zu einem Abend, der weder wirklich unterhaltsam ist noch neue Erkenntnisse zu den Fragen bringt, denen sich das „Männerphantasien“-Team widmen wollte. Auch szenisch bleibt Thomasbergers DT-Debüt hinter dem Einfallsreichtum ihrer „Maria Magda“-Uraufführung zurück, die als Stream aus Münster zu sehen war.

Die „Männerphantasien“ hatten am 1. Dezember 2023 in der Box des Deutschen Theaters Berlin Premiere.

Bilder: Jasmin Schuller

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