Wie tief war der Graben zwischen der rechtskonservativen NZZ und dem Schauspielhaus Zürich! Das Feuilleton der wichtigsten überregionalen Zeitung der Schweiz konnte sich mit dem Konzept der Intendanz von Nicolas Stemann/Benjamin von Blomberg so gar nicht anfreunden.
Nach Uli Khuons Interim trat im vergangenen Herbst das Duo Pinar Karabulut und Rafael Sanchez die Intendanz an. Karabulut hatte sich einen Namen mit popfeministisch-bunten Inszenierungen gemacht, die mal floppten wie die nur von wenigen Groupies bejubelten Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin, mal als rasante „Edward II.“-Web-Serie im Netflix-Stil in der Lockdown-Tristesse funkelten.
Einen ganz anderen Ansatz wählte Karabulut zu ihrem Zürcher Einstand. Im monumentalen Schiffbau-Industriedenkmal präsentiert sie 3,5stündiges Ausstattungstheater: einen echten „Kostümschinken“, wie es die bz auf den Punkt brachte, der hermetisch hinter der vierten Wand bleibt und den gut abgehangenen Roman „Il Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa brav nacherzählt. Das Herz des NZZ-Redaktors Ueli Bernays hat Karabulut damit im Sturm erobert. Etwas „langfädig“ sei der Abend zwar, aber die pittoreske Arbeit begeisterte ihn sehr. Auch das Schweizer Publikum nimmt den Abend an: das Historien-Schauspiel wird dort regelmäßig gespielt und als eine von nur wenigen Inszenierungen in die nächste Spielzeit übernommen.
Dass NZZ und die neue Intendanz so ein gutes Einvernehmen haben, ist eine erfreuliche Entwicklung, wäre aber nur von engeschränkter überregionaler Bedeutung. Überraschend lud die Theatertreffen-Jury den nur mäßig besprochenen Zürcher Abend in die 10er Auswahl ein, wo er auch noch den Eröffnungs-Slot bekam.
Im Haus der Berliner Festspiele war ein sehr langatmiger Abend zu erleben. Sichtlich unruhig rutschten einige im Publikum auf den Stühlen herum, zu zäh wird der Plot nacherzählt. Erschwerend kam hinzu, dass die lange Zimmerflucht des von Michela Flück nachgebauten Palastes stark auf die Zentralperspektive ausgerichtet ist. Jackpot, wer einen Platz in der Mitte der Reihe erwischte, je weiter man nach außen rückt, desto mehr geht vom Effekt verloren. Ein Abend, der lediglich mit seiner visuellen Opulenz punkten kann, wurde beim Gastspiel über manche Strecken zum Hörspiel.

Wer sich für die liebevollen Details interessiert, kann auf die 3sat-Aufzeichnung zurückgreifen (im TV zur Primetime am 16. Mai, fast ein Jahr in der Mediathek). Das Medium Film ist mit seinen Großaufnahmen dem Theater deutlich überlegen, wenn es darum geht, die Ausstattung wirklich zur Geltung kommen zu lassen. Erst recht, wenn ein Meister wie Luchino Visconti am Werk ist, der den „Gattopardo“-Roman mit einem Star-Ensemble um Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon schon 1963 verfilmte.
Bemerkenswert aus der Zeit gefallen wirkte dieses Zürcher Eröffnungs-Gastspiel. Theaterabende wie dieser „sind selten geworden“, begründete Juror Sascha Westphal sein Urteil. Die von ihm gelobte Opulenz muss man dem Abend sicher attestieren, aber es springt kein Funke über. Das Historiendramaüber den Abstieg des Adels während des italienischen Risorgimento der 1860er Jahre schleppt sich dahin, Anknüpfungspunkte ans heute bietet die Inszenierung nicht. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, dass den Abend ein 80jähriger Routinier am Ende einer langen Karriere entwickelte und nicht zwei recht junge Frauen, nämlich Karabulut und ihre Chefdramaturgin Hannah Schünemann.
Stärker als der plätschernde erste Teil wirkt der halbstündige Schlussmonolog des dem Tod entgegen siechenden Fürsten (Markus Scheumann). Positiv hervorzuheben ist der Auftritt von Sabine Waibel, die sehr kurzfristig ohne sichtbaren Hänger für Nicola Gründel als Gattin des Fürsten einsprang.
So uninspriert wie die Eröffnungs-Inszenierung war auch die Rede des Festspiel-Intendanten Matthias Pees, der ohne jeden Zwischenapplaus um den Begriff „Gelassenheit“ und die kulturpolitischen Aufregungen der vergangenen Jahre kreiste. Wolfram Weimer, der als Kulturstaatsminister besonders viel Öl in diese lodernden Feuer gießt, glänzte mit Abwesenheit. Die zu erwartenden Buhrufe hätten diesen Eröffnungs-Abend des 63. Theatertreffens bestimmt aufgemischt, so blieb es bei einer ermüdenden Elegie.
Bilder: Krafft Angerer