Der Menschenfeind

So etwas hat man bei den Salzburger Festspielen vermutlich noch nie erlebt. Die elegant gekleideten, meist gesetzteren Herrschaften suchen noch ihre Plätze im Parkett des Landestheaters oder auf einer Zusatz-Tribüne der Hinterbühne, als Ole Lagerpusch ganz in Pink schon zu einem HipHop-Solo ansetzt. Fast eine halbe Stunde springt und schreit er sich die Seele aus dem Leib, die eigens für die Inszenierung geschriebenen Texte der Indie-Band UWE und die Live-Musik von Matthias Jakisic schallen mit voller Lautstärke aus den Boxen.

Typische Assoziationen und Gedanken der Gen Z werden hier im Stakkato abgefeuert: ein fulminanter, unkonventioneller Auftakt für eine Klassiker-Inszenierung. Kürzer ist die Stroboskop-Show aus Lichtblitzen und Social Media-Emojis, mit denen der zweite Teil dieses als Triptychon angelegten Abends sein Publikum quält.

Erst dann beginnt der Molière-Text, den das Festspielpublikum erwartet hat. André Szymanski gibt die Hauptfigur Alceste, die zum gesellschaftlichen Außenseiter wird, weil er sich jede Schmeichelei versagt und überdeutlich ausspricht, was er von der Darbietung hält. Die Hofschranzen des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. wie Oronte, dessen Rolle Lagerpusch nach seinem Intro übernimmt, reagieren darauf genauso allergisch wie die auf Likes fixierten Social Media-Sternchen der Gegenwart.

In der hervorragegenden, die Alexandriner-Form der Vorlage wahrenden Übersetzung ihres Vaters Frank-Patrick Steckel bietet Regisseurin Jette Steckel im langen Hauptteil Klassikerpflege, versucht aber auch hier, den Molière etwas aufzupeppen. Wie langatmig ein „Menschenfeind“ werden kann, wenn man ihn nur vom Blatt spielt, war bei Anne Lenks Inszenierung zu erleben, die seit 2019 im Repertoire des Deutschen Theaters Berlin läuft.

Einige Figuren wie Acaste (Cino Djavid) und Clitandre (Camill Jammal) kommen mit kleinen tänzerischen Einlagen auf die Bühne, jeder trägt ein quietschbuntes Kostüm in einer anderen Signalfarbe. Manchmal versinkt der Abend in Textaufsage-Theater, aber spätestens wenn Célimène (Maja Schöne) und Arsinoé (Lisa Hagmeister) einander wie zwei Tigerinnen in der schmalen Arena zwischen den Zuschauergruppen belauern und als „Bitches“ angiften, bekommt dieser Molière-Klassiker viel Frische und Gegenwärtigkeit, die den Bogen zurück zum HipHop-Intro schlägt.

An dieser Inszenierung scheiden sich die Geister. Heftige Ablehnung von Teilen der Kritik und des Publikums, die den Applaus nicht abwarteten, sondern gleich zum Ausgang stürmten, standen neben langem, freundlichem Beifall der Mehrheit des Publikums der gestrigen dritten Salzburger Vorstellung. Die Sound-Anlage ist noch nicht richtig eingestellt, so dass es bei vielen Sätzen zum Nachhall kommt.

„Der Menschenfeind“ hatte am 15. August 2026 bei den Salzburger Festspielen im Landestheater Premiere und wird ab 18. September 2026 am koproduzierenden Thalia Theater Hamburg zu sehen sein, wo Steckel lange als Hausregisseurin gefeiert wurde und erstmals unter der Intendanz von Sonja Anders arbeiten wird.

Bilder: Armin Smailovic

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