Unter Tieren

Einiges verlangt Nicolas Stemann seinem Publikum in den knapp vier Stunden ab. Quälend werde es, droht der Regisseur in seinem Eingangsstatement. Tatsächlich sind die engen Sitzreihen auf der Perner-Insel der Salzburger Festspiele, die an harte Sünderbänkchen der katholischen Kirche erinnern, eine Tortur fürs Sitzfleisch. Ohne Pause läuft der Abend ab, das Publikum ist jedoch eingeladen, ganz nach Gusto jederzeit rein- und rauszugehen. Davon machen sehr viele Gebrauch, nach zwei Stunden ist es draußen voller als drinnen und Caroline Peters, einer der Stars des koproduzierenden Burgtheaters, mischt sich im Enten-Kostüm unter die Zuschauer, die mehr mit Wein, Sekt und Small-Talk als mit der Live-Übertragung aus dem Saal beschäftigt sind.

Die logische Konsequenz dieser Idee von Regie und Dramaturgie ist ständige Unruhe. Ein Theaterabend, dem man konzentriert folgen könnte, ist selbstverständlich nicht möglich. Einen klassischen Theaterabend hat Stemann aber auch gar nicht beabsichtigt: die „Unter Tieren“-Uraufführung will er als „Textumsetzungsmaschine“ verstanden wissen. Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat wieder einmal eines ihrer assoziativen Textungeheuer in die Tasten gehauen. Ungewöhnlich ist hieran zweierlei: die Wortgirlanden sind diesmal klaren Sprecherpositionen zuzuordnen. Die Tiere vom Affen über die Ente bis zum Schwein schauen kopfschüttelnd auf die Welt der Menschen. Auffällig ist auch der resignative Ton, der funkelnde Wortwitz und die Lust am Kalauern fehlen diesem Spätwerk der fast 80jährigen.

Dementsprechend redundant wirkt über weite Strecken vieles an den aneinandergereihten Miniaturen, die das hochkarätige Burg-Ensemble um Caroline Peters, Branko Samarovski und Mavie Hörbiger mit einigen Gästen (Sebastian Rudolph als Stemann-Stammkraft, derzeit am benachbarten Volkstheater Wien, oder die Wiener Kult-Figur Inge Maux) von den durch die Gegend flatternden Manuskript-Seiten liest. Der Regisseur selbst streicht, wenn er nicht gerade mittanzt oder im Hintergrund herumwuselt, die Namen der Tiere, die ihren Monolog absolviert haben, mit roter Stift durch, Assistentin Anita sitzt im Zentrum dieser Probebühnen-Atmosphäre und blättert den Countdown um, auf welcher Seite wir gerade in der Textfassung stehen.

Dieser Stil ist altbekannt, Nicolas Stemann wandte die dramaturgischen Mittel der Selbst-Ironie, des genau inszenierten Chaos und der Songs, die den Textstrom auflockern schon viele Male an. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere vor ca. 15-20 Jahren war er regelmäßig zum Theatertreffen eingeladen. Doch zuletzt stieß dieser Stil an seine Grenzen: Als Co-Intendant des Schauspielhaus Zürich scheiterte er nach wenigen Spielzeiten und nach seiner letzten Salzburger Festspiel-Premiere „Orestie I-IV“ fiel die Kritik gnadenlos aus.

Doch als gefragter Jelinek-Uraufführungs-Regisseur ist Stemann bei „Unter Tieren“ wieder ganz in seinem Element. Die langen Passagen über das undurchdringliche Konstrukt des Finanzkapitalismus und vorwiegend österreichische Skandale der Wirtschaftskriminalität sind oft ermüdend und wenig erhellend. Doch der zweite Erzählstrang, die Reflexion der Tiere über ihre Ausbeutung in der Massentierhaltung, sorgt für Glanzlichter: in all dem Chaos der dem Publikum vor die Füße geworfenen Bruchstücke gibt es immer wieder eindrucksvoll-melancholische Momente vom Schmerz der Tiere, den sie sehr lakonisch auf den Punkt bringen. In den Kostümen von Marysol del Castillo gibt es für das Ensemble auch viel Gelegenheit für kleine Kabinettstückchen, in neue Tier-Identitäten zu schlüpfen.

Diese kurzen Momente in einem langen, anstrengenden Abend lassen sich als Erinnerungen bei der Fahrt im wesentlich bequemeren Shuttle-Bus durch die nächtliche Alpen-Kulisse zurück nach Salzburg mitnehmen.

„Unter Tieren“ wurde am 16. August 2026 auf der Perner-Insel Hallein bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, das Burgtheater Wien eröffnet mit dieser Koproduktion seine Spielzeit am 4. September 2026.

Bilder: Arno Declair

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