Hamlet

Martialisch ist die Szenerie bei der Eröffnungs-Produktion des Lausitz-Festivals. Am Cottbusser Spreewaldbahnhof fuhr der Shuttle noch bei entspannter Spätsommer-Stimmung los, nach wenigen Minuten bringt er uns zum ehemaligen Militärflugplatz im Norden der Stadt, den Wehrmacht, Rote Armee/NVA und zuletzt die Bundeswehr nutzten und der jetzt als Denkmal in der Brache steht. Einschüchternd und fröstelnd ist die Atmosphäre: Kanonen vor der Halle, junge Männer, die sich hinter Sturmhauben verschanzen, postieren sich neben den Zugängen. „Helsingør“ steht in großen Lettern über dem Eingang.

Links blickt das neue Herrscher-Paar Claudius (Götz Schubert) und Gertrud (Corinna Harfouch) von seinem Überwachungsturm auf die schmale Spielfläche zwischen den Zuschauertribünen herab, rechts steht der Sarg des verstorbenen Königs, um den offensichtlich nur Prinz Hamlet (Linn Reusse) trauert.

Während der ersten anderthalb Stunden erleben wir eine respektvolle Annäherung an den Klassiker von William Shakespeare. Marcel Kohler, der an der Schaubühne in Berlin engagiert ist, sich aber seit einigen Jahren auch mit Regie-Arbeiten an unterschiedlichen Häusern einen Namen gemacht hat, folgt wie zuletzt auch Johan Simons der Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch. Er nimmt sich jedoch noch mehr Freiheiten, zwischen seinen Verzweiflunggsschreien darf Hamlet auch mal einen Song von Coldplay hauchen, lang ist die Liste der Fremdtexte, die er einbaut. Selten sind sie so eindeutig zu erkennen wie das „Blablabla“ aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“. Auf einem Jeep werden die Kinder vom Piccolo Theater Cottbus hereingefahren und von Reusses Hamlet für das Stück im Stück, die „Mausefalle“ instruiert, mit dem er den Stiefvater und Onkel als Mörder überführt und das er mit dem Müller-Klassiker kreuzt. Ein erster Höhepunkt vor der Pause!

Holpriger geht es nach der Unterbrechung weiter, die man für etwas frische Luft oder einen Rundgang durchs Bühnenbild nutzen kann. Hinter den jeweiligen Tribünen wurden einige Klappstühle aufgebaut: stark eingeschränkt ist für die allermeisten der Blick auf die Szenen. Die Gruppe mit den blauen Bändchen sitzt zunächt vor Gertruds Schlafzimmer, wo Polonius hinter seinem Vorhang ermordet wird, alle mit rotem Bändchen starten im Kloster und wechseln dann hinüber. Doch nicht nur die Sicht ist eingeschränkt, auch akustisch ist der Szene kaum noch zu folgen. Das liegt am wenigsten an der komplexen Akustik der gewaltigen Halle, die mit Mkroports gut gemeistert wird, sondern an zwei anderen Faktoren: den herübergellenden Schreien vom parallelen Spielort hinter der anderen Tribüne und dem Gebrabbel einiger Zuschauer, die den Zugang zu dieser Szene verloren und ganz offensichtlich abgeschaltet haben.

Was Regisseur Kohler und sein Dramaturg Michael Höppner mit diesem immersiven Zwischenspiel bezwecken, ist klar: das Publikum soll sich fühlen wie Hamlet, dessen Welt aus den Fugen ist, wie das berühmte Zitat lautet. Doch der dramaturgische Bogen ist überspannt, der Effekt funktioniert bei der Mehrheit des Publikums nicht und wurde in mehreren Premieren-Kritiken als ein schwächerer Aspekt gesehen. In Cottbus sind alle Vorstellungen abgespielt, vor der Wiederaufnahme bei den Internationalen Maifestspielen Wiesbaden sollte das Team an dieser Passage noch feilen. Denn Immersion und das Spiel mit perfekt aufeinander abgestimmten Parallel-Schauplätzen sind eigentlich eine Stärke von Marcel Kohler: vor zwei Jahren begeisterte sein „Othello/Die Fremden“ beim Lausitz-Festival in der verwinkelten Tellux-Halle in Weißwasser. Bis auf Harfouch war das Ensemble schon damals dabei.

Zurück auf den Tribünen setzt das blutige Finale ein. Zwei Akzente deutet Kohler an, ohne sie auf der Bühne deutlich auszubuchstabieren: die androgyne Zerrissenheit des Hamlet, der so gerne eine Frau sein möchte, wie Linn Reusse seufzt, und die Ratlosigkeit der Generation Z. Tatsächlich erleben wir in unserer Post-Zeitenwende-Gegenwart angesichts der hybriden Bedrohung eine Aufrüstung, wie sie vor wenigen Jahren undenkbar schien. Pubertät im Corona-Lockdown, miese Jobaussichten für den Berufseinstieg, unsichere Renten-Perspektive, stattdessen die Wiedereinführung der Wehrpflicht sind einige Stichwörter für eine Situation, die manche junge Menschen seelisch so plagt und verstört wie die Figur Hamlet. Im Programmheft gibt es einige Gedanken dazu, auf der Bühne übernimmt dann doch wieder die allerjüngste Generation mit „Fragile“ von Sting das Ruder.

„Hamlet“ hatte am 26. August 2026 im Hangar 1 in der Cottbusser Peripherie Premiere, wann die Inszenierung im kommenden Frühjahr bei den koproduzierenden Maifestspielen Wiesbaden zu sehen sein wird, ist noch nicht bekannt.

Bilder: Just Loomis

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