Wer einen Gegenentwurf zur bleiernen Düsternis und Wucht von Koskys „Lear“ im Tempelhofer Hangar sucht, wird bei der Wiederaufnahme seines Publikumshits „Orpheus in der Unterwelt“ fündig.
2019 hatte diese Inszenierung von Jaques Offenbachs Operette bei den Salzburger Festspielen Premiere, im Dezember 2021 konnte die schrill-unterhaltsame Koproduktion endlich nach mehreren Corona-Verschiebungen im Stammhaus der Komischen Oper in der Behrenstraße über die Bühne gehen. Im Baustellen-Interim im Schillertheater läuft der „Orpheus“ wieder bis einschließlich Silvester.
Zur beschwipsten Stimmung der letzten Nacht des Jahres passt „Orpheus in der Unterwelt“: Kosly demonstriert hier wieder mal das, was er am besten kann und besser als die meisten andern. Der Abend ist pure Lust am Unterhaltungstheater, ganz ohne doppelte Boden, aber mit perfekt geöltem Komödien-Motor.
Zum Gelingen des Abends tragen vor allem zwei Partner bei: Max Hopp ist neben einer kleinen Arie fast im Dauereinsatz, da er im Lipsync-Modus allen Sprechrollen seine Stimme leiht. Die kreischenden Diven, die hormongesteuerten Götter, zusätzlich aber auch noch jedes kleine Trippeln, Knarzen und Schlurfen kommt aus seinem Mund, meist im Bühnenhintergrund.
Die aufgekratzte Parodie des antiken Mythos braucht aber auch die passenden Kostüme: Victoria Behrs Kreationen bieten den richtigen Mix aus Farbrausch fürs Höllenfest und der Laszivität für den berühmten Cancan. Nach der Salzburger Premiere waren die Feuilletons angesichts der strassbesetzten Pimmel-Imitationen ganz aus dem Häuschen. Noch häufiger als an der Oper sind Behrs Kostüme im Sprechtheater zu finden. Sie arbeitete eng mit Herbert Fritsch bei seinen Slapstick-Revuen an der Volksbühne und wurde kürzlich zum 7. Mal für das Kostümbild des Jahres ausgezeichnet, diesmal für ihren Anteil an Lucia Bihlers Stuttgarter „Die Welt im Rücken“, einer positiven Überraschung des aktuellen Theatertreffen-Jahrgang.
Kosky und sein Team werfen sich mit Lust in die vielen kleinen Details, die dieser überdrehte, oft hemmungslos-alberne Operetten-Klassiker bereithält: Jupiter verwandelt sich in eine Fliege, um Eurydike zu verführen. Diese wiederum ist die eigentliche Hauptfigur und von ihrem Orpheus schwer gelangweilt. Anders als im antiken Mythos, der hier parodiert wird, und in Opern-Fassungen von Monteverdi und Gluck ist Orpheus kein begnadeter Sänger, sondern ein mittelmäßiger Dilettant.
„Orpheus in der Unterwelt“ ist seit 9. Dezember 2021 im Repertoire der Komischen Oper Berlin und wurde am 9. Oktober 2026 für diese Spielzeit wiederaufgenommen.
Bild: Monika Rittershaus