Quietschbuntes Setting, Körperkomik und Slapstick bekommen bei jedem Theatertreffen-Jahrgang ihren Slot. Meist stammen die schrillen Kostüme von Victoria Behr, die für ihre Zusammenarbeiten mit Herbert Fritsch vielfach ausgezeichnet wurde.
Eng arbeitet Behr auch mit Lucia Bihler zusammen, die in Klaus Dörrs Volksbühnen-Interimsintendanz als Nachwuchs-Hoffnung vorgestellt wurde, 2023 mit der Wiener Inszenierung „Die Eingeborenen von Maria Blut“ zum Theatertreffen eingeladen war und drei Jahre später wieder im 10er-Tableau ist.
Schon ein flüchtiger Blick auf die Vorschaubilder zeigt: „Die Welt im Rücken“ wird bestimmt ein typischer Behr/Bihler-Abend mit bekannter Ästhetik, im Zentrum Paulina Alpen, die eine enge Arbeitsbeziehung mit Bihler hat und ihr an verschiedene Bühnen folgt, als trauriger Clown im Fatsuit, in einigen Szenen umspielt von sechs Doppelgängern in derselben Montur.
Die Befürchtung ist: Ertrinken die angekündigten 105 Minuten in albernem Slapstick? Werden sie der Vorlage gerecht? Den autobiographischen Roman von Thomas Melle, der seine bipolare Erkrankung mit manisch-depressiven Schüben offenlegte und analysierte, brachte vor knapp zehn Jahren Jan Bosse als selbstverliebtes Großschauspieler-Solo von Joachim Meyerhoff als Wiener Akademietheater-Inszenierung schon einmal zum Theatertreffen in die 10er-Auswahl von 2018.
Vorsichtig tastet sich der Abend an die selbstgestellte Herausforderung heran. Vor Barbie-pinker Fantasy-Kulisse (Bühne: Paula Wellmann) beginnt Alpen ganz allein auf der großen Bühne mit einem ernsten Vortrag zum Krankheitsbild.

Als dann der Chor die Bühne im Haus der Festspiele entert und die manischen Schübe mit wildem Grimassieren und Zappeln begleitet, gibt es eine positive Überraschung: Lucia Bihler, die – wie sie bei der Urkunden-Verleihung sagte – selbst Angehörige einer bipolaren Person ist und den Roman auf die Bühne bringen wollte, seit sie ihn vor knapp zehn Jahren gelesen hat, gelingt die Gratwanderung: die unwirklich verschobene Welt, in der sich Melle wiederfindet, wenn er Sex mit Madonna imaginiert oder sich als Messias sieht, und die emotionale Achterbahn, die in wie ein Häuflein Elend in der depressiven Phase zurücklässt, wird atmosphärisch spürbar. Kostüme, Choreographie (Björn Leese) und Sound-Teppich (Sixtus Preiss) greifen ineinander. Die altbekannte Körperkomik und der Slapstick wirken diesmal nicht – wie so oft – wie eine oft gesehene Marotte, sondern dienen dazu, von einem psychischen Ausnahmezustand zu erzählen. Hier entsteht ein Abend, der einen Roman nicht einfach nur nacherzählt oder abpinselt, sondern mit eigener Formensprache für die Bühne übersetzt.
Nach knapp zwei Stunden ist die anfängliche Skepsis verflogen: großer, verdienter Jubel für diese überraschend starke Produktion des Schauspiels Stuttgart, einer Bühne, die nicht mehr so im Fokus ist wie zu Claus Peymanns legendärer Intendanz (3x in Folge Schauspielhaus des Jahres) und zuletzt 2015 mit Christopher Rüpings „Das Fest“ beim Theatertreffen vertreten war.
Bilder: Julian Baumann